Generalstreik in Basel!

Der Landesstreik.

Vor 100 Jahren herrschte in der Schweiz Ausnahmezustand: Genau einen Tag, nachdem der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstand zu Ende ging, begann am 12. November 1918 ein landesweiter Generalstreik. Dabei streikten 250’000 ArbeitnehmerInnen. Ihnen standen 95’000 Soldaten gegenüber, welche durch die Armeeführung und den Bundesrat zum Ordnungsdienst aufgeboten worden waren. Wenige Tage später brachen die Streikführer des sogenannten «Oltener Aktionskomitees» den Streik ab. Sie fürchteten, dass Bundesrat und Armeeführung den Streik mit militärischer Gewalt beenden würden.

Über die Ursachen des Streiks sind sich die Historiker nicht einig. Vermutlich spielten mehrere Faktoren eine Rolle: Die soziale Unrast infolge der Teuerung während des Kriegs; sozialpolitische Forderungen; der Wille der Arbeiterbewegung nach politischer Anerkennung; für viele Bürgerliche war damals klar, dass eine sozialistische Revolution geplant war.

Auch Basel streikt

Im Zentrum des Streiks stand Zürich. Was aber passierte in Basel?
Gestreikt wurde auch hier. Auch hier gab es ab dem Sommer 1918 kleinere Streiks; dann im November Proteststreiks gegen das Militäraufgebot und Protestkundgebungen; und auch hier wurde ab dem 12. November der Generalstreik befolgt. Die Informationslage war verworren – über die Intentionen der Streikenden herrschte Unklarheit. Die weiteren Entwicklungen waren offen.

Zurückhaltender Regierungsrat

Der Basler Regierungsrat vertraute den Worten der Streikführer und tolerierte zuerst die gewaltlosen Streiks und Proteste. Erst verhältnismässig spät, in rechtsbürgerlichen Augen zu spät, forderte der Regierungsrat Militär gegen die Streikenden an. In der Grossratssitzung vom 18. November, wenige Tage nach dem Streikabbruch, verteidigte Regierungsrat Fritz Mangold diese abwartende Haltung. Mangold äusserte Verständnis für die Forderungen des Oltener Aktionskomitees. Er war der Überzeugung, ein Umsturz sei nicht geplant gewesen. Mangold folgerte: «Der Streik ist vorbei, viele Personen haben Unbill erlitten, das Wirtschaftsleben ist roh und gewaltsam gestört worden, aber es ist kein Blut geflossen, es ist nicht zum Bürgerkrieg gekommen.»

Verordnung betreffend Massnahmen gegen die Gefährdung und Störung der inneren Sicherheit der Eidgenossenschaft.
Verordnung betreffend Massnahmen gegen die Gefährdung und Störung der inneren Sicherheit der Eidgenossenschaft

1919 mussten der parteilose Mangold und ein weiterer moderater Politiker (Armin Stöcklin) wegen ihres Verständnisses für den Streik aus dem Regierungsrat zurücktreten. Politisch hatten in Basel die Rechtsbürgerlichen Oberwasser bekommen. Die Arbeiterschaft war aber immer noch unzufrieden. Im Juli/August 1919 kam es in Basel zu einem weiteren Generalstreik, der wieder mit Militär unterdrückt wurde.

Fritz Mangold beschäftigte sich nach dem Ende seiner Politkarriere wissenschaftlich mit Sozialpolitik, zuerst für ein Bundesamt, dann als Vorsteher des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs (SWA) und als Statistikprofessor der Universität Basel.

 

martin.luepold@unibas.ch

  1. Zwei schöne Dokumente und ein Bezug zum SWA (Fritz Mangold-Stiftung), ich habe gerade Freude an diesem Blog-Beitrag. Merci Martin!

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