Merian 3d – ein Projekt aus der Basler Bibliographie

Aus der Basler Bibliographie. Es gibt kaum eine Stadtansicht, die sich so tief ins kollektive Gedächtnis einer Region geprägt hat wie der sogenannte „Basler Merian-Plan“. Gemeint ist dabei nichts Anderes als die 1617 von Matthäus Merian d.Ä. angefertigte Radierung einer Stadtansicht von Basel, die an zahlreichen Souvenirläden Basels in verschiedenen Grössen zu kaufen ist. Die Ansicht verleitet noch heute den Betrachter innezuhalten, bekannte Orte und Sehenswürdigkeiten darauf zu suchen und nicht zuletzt darüber nachzudenken, wie sehr sich die Stadt in 400 Jahren veränderte. Der Merian-Plan wurde nun von Mitarbeitern der UB Basel, dem Kunsthistorischen Seminar unter Leitung von Barbara Schellewald und der Firma Cadwork als 3D Modell nachgebaut und dient als Suchoberfläche für Literatur und Quellen zu Basel. Als Ausgangslage dienten Arbeiten von Studenten der Kunstgeschichte der Universität Basel und dem Historischen Museum Basel. Doch drehen wir das Rad zurück: Wer war eigentlich Matthäus Merian d.Ä. und wieso hat man sich ausgerechnet dafür entschieden, diesen Plan als Grundlage eines 3d Modells zu nehmen?

Digital Merian I
Auf dem digitalen Modell des Merian-Planes können Literatur, Quellen und Sammlungen einfach über „Points of interest“ gesucht und gefunden werden!

Eine Stadt zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Mit der Idee einer »Stadt« verknüpften wir die Erwartung einer besonderen Zukunftsfähigkeit: Es wird gebaut, erneuert, bestehende Bauten und Strassenzüge werden immer neu überdacht. Dennoch kann man die Vergangenheit nie ganz überdecken – sie bleibt ein Fragment dessen, was sich ereignet hat und daher gibt es keinen Raum ohne Geschichte. Dass besonders historische Stadtansichten auf den Betrachter einen starken Reiz ausüben, hängt mit der Demonstration dieses vergangen und zugleich präsenten Raumes zusammen. Damit verbunden ist auch immer ein Stück eigener Identität. Merians Stadtansichten sind der unbestrittene Höhepunkt einer Entwicklung, die mit den ersten individuellen Stadtdarstellungen im Verlauf des 15. Jahrhunderts einsetzte und die sich im Wesentlichen im Bereich der Druckgraphik vollzog. Das Werk Merians, insbesondere sein Basler Plan, haben dabei gemäss Wolfgang Behringer entscheidend „unser Verständnis dessen, was wir unter einer Stadt verstehen wollen» geprägt und auch zur Bildung einer europäischen Identität beigetragen; eine Zivilisation, die sich über Urbanität definiert!

Merian-Plan
Der Basler Merian-Plan aus dem Jahre 1617; Signatur UBH Schw Ml 4

Ein verlockendes Angebot von „Stadt“

Der Basler Plan Matthäus Merians ist in seiner Präzision eine wertvolle historische Quelle, die das architektonische Bild und die urbanistischen Strukturen der Stadt zeigt, die aber genauso über die sozialen Verhältnisse, demographischen Entwicklungen und den städtischen Alltag in Basel zu Beginn des 17. Jahrhunderts berichtet. Neben den Strassen und den unterschiedlichen Gebäuden, von Hütten über Wohnhäuser, öffentliche Einrichtungen bis hin zu Kirchen, werden Brücken, Gärten in- und ausserhalb der Stadt, Mühlen, Schiffe, Tiere wie auch die in Trachten gekleideten Einwohner der Stadt Basel gezeigt. Der Plan von Basel hält somit vielfältige Informationen für die Kunst- und Architekturgeschichte, für die Archäologie, für die Wirtschaft-, Sozial- und Militärgeschichte. Und dennoch: Das Bild Merians von Basel liefert auch ein äusserst verlockendes Angebot, die Darstellung für bare Münze zu nehmen. Denn der Plan zeigt keineswegs ein in allen Einzelheiten authentisches Bild Basels anno 1617. Bei aller dokumentarischer Qualität handelt es sich bei den Stadtdarstellungen Merians um eine künstlerische Auseinandersetzung. Denn es galt nicht die reale Stadt so genau wie möglich abzubilden, sondern das Idealbild einer Stadt, einer Gesellschaft und dieses als ästhetisches Konstrukt zusammenzufügen. So spiegelt die Stadtdarstellung nicht nur deren Realität wider, sondern ist darüber hinaus primär eine geistige Auseinandersetzung der urbanen Gesellschaft. Im Plan sind somit zeittypische Vorstellungen einer Stadt hervorgehoben: Kirchen, Klöster, Burgen, Wehrtürme, Strassenzüge und Brücken. Diese Bauten verdeutlichen nicht nur die sozialen Orte einer Stadt, sondern symbolisieren bestimmte Eigenschaften. So verweisen Kirchen auf die Stadt als christlichem Ort, Brücken und Strassen auf die Bedeutung als Handelszentrum. Matthäus Merian hat mit seinem Plan der Stadt Basel eine künstlerisch gestaltete und konstruierte Wirklichkeit des frühen 17. Jahrhunderts geschaffen!

Literatur, Handschriften, Inkunabeln – die Vernetzung von Daten. Merian 3d, die Basler Bibliographie und die Sammlungen der UB Basel

Raum alleine macht aber noch keine Geschichte – es sind die Umstände, die Ereignisse, die Tätigkeiten, festgehalten unter anderem in schriftlichen Zeugnissen, erforscht durch Wissenschaftler und beschrieben von Literaten. Die UB Basel beherbergt dabei nicht nur elementare Texte zu Basels spannender Geschichte, sondern hat zahlreiche dieser Quellen digitalisiert und stellt diese gratis zur Verfügung. Zugleich erstellt die Basler Bibliographie ein Verzeichnis aller grundlegenden Werke zu Basel für alle Fachgebiete und bildet somit das kulturelle Gedächtnis des Kantons. Doch im Datenwulst und in den unendlichen Weiten des Internets sind die Fachdatenbanken oftmals nur einem kleinen Kreis bekannt. Das Modell Merians dient daher als Projektionsfläche für eine Visualisierung verschiedenster kultureller Themenfelder und Sammlungen der UB Basel. Über sogenannte «Points of Interest» liefert der digitale Plan Daten aus der Basler Bibliographie, der Porträtsammlung der UB Basel sowie aus den aktuellen Digialisierungsplattformen e-rara, e-manuscripta und e-codices. Verlorene oder aus ihrem Kontext herausgerissene Unterlagen können somit digital an verschiedenen Orten auf dem digitalen Plan integriert werden und so neue Aufschlüsse für die Lehre und Forschung bieten.

POI
Quellen und Fachliteratur zur Pest in Basel? Beim Alten Spital in der Freien Strasse findet man „Points of Interest“ zum Thema Pest Literatur und Quellentexte

Zusätzlich sollen verlorene Bauten und Kulturgüter, wie der Basler Totentanz, nicht nur über ihre Einbettung in das urbane Umfeld neue Erkenntnisse liefern, sondern parallel dazu auch Quellen und Sammlungsgeschichten abbilden. Der Plan wird dabei immer weiter ausgebaut und geht mit ungefähr 40 «Points of Interest» heute live. Er entstand in der UB Basel und dem Kunsthistorischen Seminar in enger Zusammenarbeit mit der Firma Cadwork Informatik. Bibliographien, Datenbanken und digitale Sammlungen können so über den Plan aus ihrer Abstraktion gelöst und unmittelbar abrufbar gemacht werden! Probieren Sie es aus – es lohnt sich!

Hier geht’s zum Modell auf der Seite der Basler Bibliographie

noah.regenass@unibas.ch

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