Scholastiker, Humanist, Prediger und Besitzer einer ausserordentlichen Bibliothek. Der geheimnisvolle Johannes Heylin von Stein

Eine ausserordentliche Figur am Oberrhein

Aus der Basler Bibliographie. Professor für Theologie an der Universität Basel, Rektor an der Sorbonne in Paris, aktiv in der ersten Druckerwerkstatt Frankreichs, Büchersammler aus Leidenschaft, Prediger am Basler und Berner Münster und Mönch in der hiesigen Kartause – man sollte eigentlich meinen, dass mit einem solchen Curriculum der Name Johannes Heynlin (ca. 1430-1496) nicht auf fragende Gesichter stösst, wenn man nach ihm fragt. Seine verschiedenen Tätigkeiten zeugen nicht nur von einem äusserst wachen Individuum, sondern auch von einer ausgeprägten Neugier für geistige Strömungen. Aber wer war dieser Mann, dessen grosse Sammlung an Inkunabeln und Handschriften heute in der UB zu aufbewahrt wird?

Zielgerichtetes Leben eines auf mehreren Ebenen rastlos Tätigen.

Heynlins Stationen und Tätigkeiten lassen sich dank verschiedenen Quellen, wie unter anderem seinen Predigten, Glossen und Namenseinträgen in den Matrikeln der Universitäten relativ gut rekonstruieren. Aber abgesehen davon hat Heynlin kein Opus magnum geschrieben. Über diese Persönlichkeit selbst, seine Beweggründe, wissen wir somit eigentlich so gut wie nichts — sieht man von seiner Berufung als Münster- und Bussprediger ab. Nur das wenige, was sich über seine sehr sorgfältig erstellte und illuminierte Bibliothek aussagen lässt. Über seine «private» Persönlichkeit wissen wir nichts. Sein Beiname „von Stein“ lässt mit grosser Wahrscheinlichkeit schliessen, dass er aus Stein bei Pforzheim stammte.

AN II 2
Heylins Eintrag im ersten Matrikelbuch der Universität Basel, UB Basel, Sig. AN II 2. 17 recto.

Wer sein Vater oder seine Mutter waren, bleibt im Dunkeln. Das Rätsel seiner Herkunft hat mache Phantasie der Forschung beflügelt, denn ohne ein grösseres Vermögen konnte sich niemand eine solche Bibliothek leisten. Studiengebühren konnte er stets zum Volltarif zahlen, seine Bücher sind durchwegs sorgfältigst angelegt und vielfach erlesenst illuminiert.

Heynlins Name taucht erstmals mit Sicherheit in den Matrikeln der Universität in Leipzig anno 1448 auf, es folgen weitere Studien an den Universitäten in Löwen anno 1453, bis er sich anno 1454 an der Sorbonne in Paris einschreibt. 1464 ist Heynlin für eine bemessene Zeit an der jungen Universität Basel bezeugt. Heynlin legte somit in rund 15 Jahren über 2000 Kilometer zurück. Ein zweites Mal kehrt er 1467 zurück an die Sorbonne, wo er 1469 in die höchsten Weihen aufsteigt und das Amt als Rektor bekleidet.

Das gedruckte Buch – Heynlin und die erste Medienrevoltion.

Die Einführung des Buchdrucks wird von Thomas Kauffmann als erste Medienrevolution bezeichnet. Dies zu Recht, denn die ungemein schnelle Zunahme der Buchproduktion liess nicht nur die Auflagen in ungeahnte Höhen schnellen, sondern auch Neuigkeiten in Windeseile verbreiten. Diese Pluralisierung des Wissens entfaltete eine Kommunikationsdynamik für Ideen, die nunmehr viel schwerer zu unterdrücken waren. Die Reformation ist dafür das beste Beispiel und, wie man weiss, bediente keiner die Klaviatur des Druckens von Büchern, Flugblättern und Pamphleten besser als Martin Luther, einer der bekanntesten Protagonisten des Neuen Mediums.

Mittendrin in dieser Anfangsphase des Buchdruckes bewegte sich also Johannes Heynlin. In Kontakt wird der gelehrte Theologe mit dem neuen Medium auf seinen Reisen am Oberrhein gekommen sein – seine Bibliothek gibt darüber Auskunft, dass er schon wenige Jahre nach Gutenbergs epochalen Erfindung selbst früheste Mainzer Druckschriften besass, darunter einen bemerkenswerten Druck auf Pergament im Folio-Format, heute mit der Signatur Inc. 1 in der UB Basel aufbewahrt. Von der Curiositas für neues Wissen getrieben, holte Heynlin Meister der „Schwarzen Kunst“ 1470 nach Paris und richtete dort die erste Druckerwerkstatt in Frankreich ein. Die frühesten gedruckten Bücher aus dieser Offizin gelten der Welt des Humanismus. Heynlin ist somit auf besondere Weise verdient an der relativ späteren Verbreitung des Buchdrucks in Frankreich.

Inc 706
Elegantiae linguae latinae, Paris, zwischen 1471 und 1472. UB Basel, Sig. Inc 706. Das Buch wurde wohl von den drei Typographen Heynlins in Paris gedruckt und somit eines der ältesten gedruckten Bücher Frankreichs.
F II 20
Aristoteles, De animalibus libri XIX, Pergament, 13. Jh., Paris. UB Basel, Sig. F II 20. Der Band zeugt von Heynlins Interesse für antike Autoren und  von seiner Vorliebe für schöne Bücher!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prediger und Mönch.

Nach vollendetem Wirken in Paris wendet sich Heynlin wieder seiner Ursprungsgegend am Oberrhein zu. 1477 taucht er sogar an der neu gegründeten Universität Tübingen auf, wo er als Professor wirkt, zugleich aber immer mehr an verschiedensten Orten Südbadens als Prediger auftritt. Ob sich Heynlin in Tübingen entschlossen hat, der universitären Lehre und Forschung ganz zu entsagen, ist nicht sicher. In Predigtakten vielfach belegt ist, dass Heynlin bereits vor seinem Engagement in Tübingen im badischen Raum, in Basel und auch in Bern häufig als Prediger wirkte. Ab 1484 predigt er als Kanoniker des Hochstifts im Basler Münster. Einige Entwürfe und Texte seiner Predigten sind in der Basler Universitätsbibliothek erhalten und Beleg, welch wacher und vielseitiger Geist Heynlin war; einige Gedanken sind auf ihre Weise noch heute aktuell. 1487 tritt Heynlin schliesslich in die Basler Kartause ein, zusammen mit seinem einzigartigen Schatz, der ihn wohl auf all seinen Reisen begleitete und stets erweitert wurde: seine Bibliothek. Am Schluss umfasste sie 283 Bände – nicht nur eine stattliche Zahl, sondern vor allem das Gegenteil einer rein bibliophilen Büchersammlung — sie ist inhaltlich relevant und kohärent in einer anspruchsvollen Mittelstellung zwischen den Welten der Scholastik und des Humanismus. Die Bände fanden nach der Reformation den Weg an die Universitätsbibliothek Basel. Eine weitere Revolution, die digitale, wird auch sie zunehmend in Beschlag nehmen.

Demnächst soll der Katalog der Bibliothek (60 Handschriften und 220 Drucke), begleitet von einer einleitenden Monographie zu Heynlins Leben und Büchersammlung, beim Schwabe-Verlag erscheinen! Autoren sind der Paleograph und Heynlin-Experte Dr. Beat von Scarpatetti und Prof. Ueli Zahnd. Man darf also gespannt sein! Die aktuelle Literatur zu Heynlin und zu seinem Umfeld gibt’s natürlich bereits in der Basler Bibliographie.

noah.regenass@unibas.ch

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