Ein unbekannter Bernoulli Brief – oder wer war „le petit M. Borwlaski“?

Eine jüngst erworbene Briefhandschrift von Johann II Bernoulli oder wie ein „Zwerg“ bei der Identifikation des Adressaten und bei der Datierung eines Briefes half. Ein Beitrag von Fritz Nagel aus dem Bernoulli-Euler-Zentrum

Vor Kurzem konnte die UB auf einer Auktion in Berlin die Handschrift eines Brieffragments erwerben, das laut Unterschrift von der Hand Johann II Bernoullis (1710-1790) stammt. Die Handschrift umfasst 2 Blätter (4 Seiten) und ist undatiert. Obgleich der Adressat des Briefes nicht genannt ist, war der Erwerb aus zwei Gründen äusserst wünschenswert: Zum einen finden sich unter den über tausend Briefen der Korrespondenz von Johann II Bernoulli in unserer Bibliothek zahlreiche Abfertigungen von an ihn gerichteten Briefen, aber nur wenige Brieftexte von seiner Hand, da Johann II Bernoulli entweder keine Entwürfe seiner Schreiben angefertigt oder diese nicht aufbewahrt hat.

JohannII_Bernoulli
Porträt des Johann II Bernoulli. Quelle: Bernoulli-Euler-Zentrum.

Zum anderen enthält der neu erworbene Brief am Ende des Textes noch eine kleine eigenhändige Ergänzung, welche der Sohn Johann III Bernoulli offenbar auf Wunsch des Adressaten dem Brief des Vaters beigegeben hat. Es handelt sich also eigentlich um zwei Schreiben zweier Bernoulli in einem einzigen Manuskript. Wer aber ist der Adressat dieses Briefes, der lediglich als «personne de rang et naissance» bezeichnet wird, und wann wurde der Brief geschrieben?

Den Schlüssel zur Beantwortung beider Fragen lieferte mir eine kurze Bemerkung im Brief. Johann II Bernoulli bedankt sich nämlich beim Adressaten für die Übersendung von dessen «Relation», welche in ihm eine grosse Sympathie für den «petit M. Borwslasky» geweckt habe. Beim Namen Boruwlaski (so die richtige Schreibweise) erinnerte ich mich sofort an ein Buchgeschenk, das mir eine polnische Kollegin vor Jahre auch «au nom de Joseph Boruwlaski» überreicht hatte. Es handelt sich um die Mémoires du célèbre nain Joseph Boruwlasky, gentilhomme polonais, ediert von Anna Grzeskowiak-Krwawicz, Paris (Flammarion) 2008. In dieser Edition findet sich auch der Hinweis auf ein Mémoire, welches Louis-Élisabeth de la Vergne, Comte de Tressan, 1760 an die Pariser Académie de sciences gesandt hatte.

Comte Tressan
Porträt des Louis-Élisabeth de la Vergne, Comte de Tressan (1705-1783) von Paulin Guérin. Quelle: Wikipedia.

Louis-Élisabeth de la Vergne, Comte de Tressan (1705-1783), war nicht nur ein mit König Louis XV. aufgewachsener erfolgreicher General, sondern zur Zeit der Abfassung seines Mémoire auch Generalgouverneur von französisch Lothringen, Grossmarschall am Hof König Stanislas I. Leszczynski in Lunéville sowie Gründer und Präsident der Académie von Nancy, konnte also durchaus als «personne de rang et naissance» bezeichnet werden. Ein Blick in die im Bernoulli-Briefnachlass in der UB Basel aufbewahrten elf Briefe des Comte de Tressan an Johann II Bernoulli zeigte dann, dass der vorliegende Brief das Antwortschreiben auf den Brief De Tressans von 24. Januar 1760 ist. Tressan seinerseits reagiert dann auf Bernoullis Brief mit seinem ebenfalls in der UB Basel befindlichen Schreiben von 10. April 1760. Damit stehen Adressat sowie terminus post und terminus ante unseres Briefes fest.  Unser Brief ist der einzige bisher aufgefundene Brief an De Tressan und fügt sich zwanglos in die in Basel überlieferten Teile der Korrespondenz von Johann II Bernoulli mit Tressan ein. Wer aber war «le petit M. Borwlaski», der mir den Schlüssel zu unserem Brief lieferte?

Joseph Boruwlaski (1739-1837) war ein junger polnischer Edelmann aus einer verarmten Familie, der wegen seines Zwergwuchses (Höhe ca. 75-85 cm) europäische Berühmtheit erlangte. Mit seiner Gönnerin, der Gräfin Humiecka, reiste der hochgebildete und gesellschaftlich gewandte Zwerg durch Europa, besuchte unter anderem die Kaiserin Maria Theresia in Wien und Maria Leszczynska, die Gattin von Louis XV., in Versailles.

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Porträt des Joseph Boruwlaski von Philip Reinagle. Quelle: Wikipedia.

1759 kam er nach Lunéville, wo er am Hof des exilierten polnischen Königs Stanislas I. Leszczynski den Grossmarschall Comte de Tressan und den König selbst kennenlernte. De Tressan war von Boruwlaski so angetan, dass er 1759 das in unserem Brief genannte Mémoire envoyé à l’Académie Royale des sciences, par M. le Comte de Tressan, Paris (P. A. Le Prieure) [s.a.] verfasste, welches im Januar 1760 separat gedruckt wurde. Tressan beschreibt in diesem Mémoire Gestalt und Person des zwergwüchsigen Polen Joseph Boruwlaski, rühmt dessen wohlgeformte Proportionen, dessen Intelligenz und Bildung und stellt diese Eigenschaften denen des un- und missgebildeten Nicolas Ferry (1741-1764), Hofzwerg von König Stanislas I. Leszczynski, gegenüber. De Tressans Text wurde später zum Teil wörtlich in den Artikel «Nain» in Diderots Encyclopédie aufgenommen. (Siehe Encyclopédie 1765, tome XI, pp. 7-8). Boruwlaski liess sich später in England nieder und verfasste dort seine Mémoires du célèbre nain, Joseph Boruwlaski, gentilhomme polonois, contenant un Récit fidelle & curieux de sa Naissance, de son Éducation, de son Mariage et de ses Voyages, ecrits par lui-même, London 1788. Er starb 1837 als geachteter Bürger in Durham und wurde in der dortigen Kathedrale beigesetzt. Eine Statue im Rathaus von Durham erinnert noch heute an ihn.

Der verlorene Teil unseres Briefes lässt sich nun aus der Antwort De Tressans rekonstruieren. Johann II Bernoulli hatte im Vorgängerbrief eine Abschrift der Eloge auf seinen Freund Pierre Louis de Maupertuis erhalten, die De Tressan in der Académie von Nancy verlesen hatte. Er sandte einige Korrekturen und Ergänzungen zur Biographie seines kurz zuvor in seinem Haus, dem Engelhof, verstorbenen Freundes an De Tressan, welche dieser in die Druckfassung seiner Eloge aufnehmen konnte. Zudem berichtet er in Zusammenhang mit der Diskussion der möglichen Ursachen des Zwergwuchses von den zwölf Kindern, die ihm seine Frau geboren hatte. Von ihnen überlebten jedoch nur acht Söhne, während merkwürdigerweise alle vier Töchter als Totgeburten zur Welt kamen. Bei einer Zwillingsgeburt überlebte zwar ein Knabe die zuvor geborene Schwester, verstarb dann aber wenige Stunden später.

Was hat es schliesslich noch mit dem handschriftlichen Zusatz von Johann III Bernoulli (1744-1807) zum Brief seines Vaters auf sich? De Tressan hatte seinen Briefpartner und «confrère» in der Académie gebeten, ihm Informationen über seinen damals sechszehnjährigen Sohn sowie eine Schriftprobe zu senden. Seine Absicht war es nämlich, den jungen Mann als Mitglied in die von ihm gegründete und von ihm präsidierte Académie de Nancy aufzunehmen. Er glaubte damit auch einen Wunsch seines Königs Stanislas erfüllen zu können, welcher gerne den berühmten Namen «Bernoulli» in der Liste seiner Akademiker sehen wollte. De Tressan bezeichnete darum Johann III Bernoulli als «le Cid, celuy cy ne dementira point le gloire de son Nom».

Insgesamt hat der jüngst erworbene Brief nun unerwartet einen besonderen Stellenwert im Rahmen der Bernoulli-Briefwechsel bekommen und ist eine willkommene Bereicherung des Handschriftenbestandes der UB Basel. Sein Text wird mit Kommentar im Rahmen der Bernoulli-Briefwechsel-Edition publiziert werden.

Fritz Nagel, Bernoulli-Euler-Zentrum

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