Digitalisierung Basler Talmud Teil 2: Was macht den Basler Talmud besonders?

Welche Stationen durchlaufen Bücher, bis Sie auf Plattformen wie e-rara für alle zugänglich im Netz publiziert werden? So die Ausgangsfrage einer mehrteiligen Serie auf unserem UB Blog am Beispiel des sogenannten „Basler Talmud“. Hier nun der zweite Teil!

Ausgangslage:

Die Lage auf dem hebräischen Büchermarkt war durch die Verhältnisse in Italien bestimmt. In Italien waren seit dem 15. Jahrhundert die bedeutendsten hebräischen Offizinen und dort waren auch die bis dahin einzigen kompletten Talmudausgaben erschienen. Gleichzeitig war Italien ein Zentrum jüdischer Kultur und somit auch wichtig für den Absatz jüdischer Literatur. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts setzte dort ein scharfer Kampf der katholischen Geistlichkeit gegen den Talmud ein. Es kam an verschiedenen Orten zu Talmudverbrennungen und 1559 setzte Papst Paul IV den Talmud in allen seinen Teilen auf den Index der verbotenen Bücher. 1564 wurde dieses Verbot von Pius IV dahingehend gemildert, dass nun der Druck des Talmuds gestattet war, allerdings nur unter der Einhaltung der Zensurbestimmungen und sofern das Werk auf dem Titelblatt nicht als Talmud bezeichnet wurde. Damit war nicht nur eine Grundlage für den Druck eines – wenn auch zensierten – Talmuds geschaffen, sondern auch die geschäftlichen Voraussetzungen da. Denn durch die Talmudverbrennungen bestand nun eine grosse Nachfrage nach dem Werk. Als Käufer kamen nicht nur jüdische Gelehrte und ihre Schüler in Frage, sondern auch Laien. Dennoch wurde in Italien das Projekt einer Neuauflage des Talmuds nicht in Angriff genommen.

Basel und der hebräische Buchdruck

In Basel wurden bereits im 15. Jahrhundert Bücher in Hebräisch gedruckt, dies dank der christlichen Theologen und Humanisten. In Verbindung mit dem Renaissance-Humanismus erwachte das Interesse an der hebräischen Sprache. Bis 1516 finden sich in den Basler Drucken aber lediglich hebräische Alphabete im Rahmen lateinischer Werke. Dann wurde bei Johann Froben das Buch der Psalmen als Anhang zu den Werken des Hieronymus gedruckt: in hebräischer, lateinischer und griechischer Version. Als Umschrift im Druckersignet Frobens findet sich ebenfalls ein hebräischer Satz, neben einem lateinischen und griechischen Text. In Basel war die erste Phase des hebräischen Buchdruckes vor allem durch die Werke des Hebraisten, Kosmologen und Mathematikers Sebastian Münster geprägt. Daneben erschienen auch Werke im jüdisch-deutschen Idiom. Gegen Ende dieser Phase nahm die Qualität der Typen ab und es wurden vor allem noch Neuauflagen bereits früher verlegter Werke gedruckt. Vieles wies darauf hin, dass der Basler hebräische Buchdruck seine Glanzzeit hinter sich hatte.

Der Basler Talmud im Magazin der Handschriftenabteilung der UB Basel

Der Basler Talmud – Besonderheiten der Ausgabe

Da war es Ambrosius Froben, der sich dem Projekt annahm, in Basel eine zensurierte Neuauflage des Talmuds zu drucken. Auftraggeber war Simon Günzburg in Frankfurt, der an den Verkauf in Deutschland, Polen und Böhmen dachte. Er erreichte für die Herausgabe der beabsichtigten zensierten Auflage die Approbation des Rabbiners von Mantua und seines Kollegiums. Ambrosius Froben verpflichtete sich, die gesamte Auflage von 1100 Exemplaren etappenweise in sechs aufeinanderfolgenden Frankfurter Messen dem Besteller abzugeben. So konnte auf jede der zweimal im Jahr stattfindenden Messen ein Sechstel des Werks abgeliefert werden. Vorlage waren die in Venedig von Daniel Bomberg gedruckten Talmudausgaben. Der nächste Schritt war die Druckerlaubnis der Basler Behörden. Diese stimmten dem Vorhaben zu, unter der Voraussetzung, dass alle, vom christlichen Standpunkt aus gesehen, «anstössigen» Stellen weggelassen werden. Als letzter Punkt war die Approbation der geistlichen Zensurbehörden in Italien notwendig, um den Absatz auch in katholischen Ländern zu ermöglichen. Die Basler Theologen waren damit einverstanden, dass auch katholische Zensoren beigezogen wurden. Das Amt als Zensor übernahm Marcus Marinus aus Brescia, der Inquisitor Venedigs. Der Druck des Basler Talmuds wäre fast durch eine Intervention durch die kaiserliche Kanzlei in Prag verhindert worden. Nach der Erstellung von Gutachten durch Ambrosius Froben und die Theologische Fakultät und nach einem weiteren Briefwechsel zwischen dem Basler Rat und dem Kaiser schienen die Gemüter beruhigt und weder der Druck noch der Verkauf des Werks wurde sistiert. Auch von Seiten der katholischen Orte kam Widerstand gegen den Talmuddruck. An der Tagsatzung im Juni 1579 sollte mit den Baslern verhandelt werden. Diese berichteten, dass eine gründliche Korrektur stattfinde. Ausserdem hätte eine Intervention der Katholiken vor Beginn des Druckes 1578 stattfinden müssen. Dadurch konnte das Projekt nicht aufgehalten werden.

Die Arbeit der Zensoren sollte nicht überschätzt werden. Den ganzen Talmud durchzulesen und in sprachlicher und sachlicher Hinsicht zu verstehen hätte sie überfordert. Viele Anklagen gegen den Talmud wurden, teilweise aus zweiter und dritter Hand stammend, seit Jahrhunderten in Verzeichnissen gesammelt. Diese Verzeichnisse waren auch die Grundlage der Arbeit der Zensoren des Basler Talmuds, insbesondere für Marcus Marinus. Sie hatten sich aber auch andere Ziele gesetzt, zum einen sollte das Wort «Talmud» nicht nur auf den Titelseiten, sondern im ganzen Text eliminiert werden. Dieser Suche fiel beispielsweise auch das aramäische, ähnlich aussehende Wort für Schüler «Talmidaia» zum Opfer. Unterdrückt wurden Anspielungen auf Götzendienst, auf das Christentum, auf Rom usw. Eine andere Form der Zensur waren Zusätze zum Text, in welchen die katholische Lehre in den Text eingebettet wurde. Ein Beispiel ist die Anmerkung zur jüdischen Ansicht, dass ein Mensch sündenrein auf die Welt komme. Dort wird auf die christliche Lehre der Erbsünde verwiesen. Solche Zusätze sind vor allem in den ersten Traktaten zu finden, später unterblieben sie, wohl auch aufgrund einer Intervention von jüdischer Seite. Aber auch die Basler Theologieprofessoren waren wenig erbaut über die Arbeit der Zensoren.

Der Basler Talmud war die erste kirchlich zensierte Edition des Babylonischen Talmuds und bildete die Grundlage für die meisten späteren Talmuddrucke.

Die Arbeit von Israel ben Daniel Sifroni

Korrektor bei Ambrosius Froben wurde der bereits mit dieser Arbeit vertraute Israel ben Daniel Sifroni aus Guastalla bei Padua. Er übernahm die Leitung des Drucks sowohl des Talmuds als auch anderer Hebraika, die Ambrosius Froben zunächst in Basel und später in Freiburg i. B. herausgab. Die Arbeit des erfahrenen Korrektors war nötig. Der Druck sollte fehlerfrei sein und von der alten Basler Generation der Hebräisch-Setzer waren nicht mehr viele übrig. Dazu kam, dass der rein hebräische Satz in Quadrat- und Raschitypen eine extreme Herausforderung war. Sifroni selbst entschuldigte sich im Nachwort zu einem anderen Werk, welches er bei Froben als Korrektor begleitete, für die Druckfehler mit der Erklärung, dass er unter Zeitdruck und mit nicht-jüdischem Personal arbeiten musste. Zudem konnte er teilweise während der jüdischen Feiertage nicht ortsanwesend sein, weil es in Basel keine jüdische Gemeinde gab. Der Faktor Zeit scheint tatsächlich ein wichtiger gewesen zu sein. Die gesamte Ausgabe zählt nämlich mindestens 30 Millionen Buchstaben, davon zwei Drittel rabbinische Typen in zwei Graden. Diese wurden zwischen 1578 und 1580, also innerhalb von zweieinhalb Jahren gesetzt, korrigiert, gedruckt und abgelegt, also in bedeutend kürzerer Zeit als alle früheren und späteren Talmudausgaben. Es ist davon auszugehen, dass er eine grössere Zahl von Setzern und möglicherweise auch eine weitere geübte Person als Mitkorrektor für den Talmud beschäftigt hatte. Verwendet wurde in der Hauptsache das von Sifroni aus Italien mitgebrachte Material, es wird vermutet, dass er nur die Matrizen nach Basel brachte, wo dann die Typen gegossen wurden. Zu vermuten ist, dass die zuerst gedruckten Traktate noch mit einer anderen Texttype begann, weil von der später verwendeten noch keine genügend grosse Menge zur Verfügung stand. Möglicherweise wurde genau darum mit diesen drei Mischnatraktaten begonnen, weil dort die Verwendung der kleineren Texttype als nicht so störend empfunden wurde. Dazu kam, dass diese Mischnatraktate von der Zensur am wenigsten beanstandet wurden und darum zuerst Sifroni zur Verfügung gestellt wurden.

Mit dem Druck des Talmuds war die Zusammenarbeit von Froben und Sifroni noch nicht beendet. Es folgten weitere hebräische Drucke und im Jahr 1583 wird ihre Zusammenarbeit in Freiburg i. B. weitergeführt, wohin Froben seine Offizin übersiedelt hatte. Die Rechtslage Frobens in Freiburg war von Anfang an ungeklärt und Sifroni war wirtschaftlich und rechtlich von ihm abhängig. Als Froben 1584 die Konzession versagt wurde, bedeutete dies das Ende der Frobeschen Freiburger Druckerei und des dortigen hebräischen Buchdrucks. Sifroni zog wieder nach Italien und wurde Korrektor in Venedig.

Die Zweitauflage des Basler Talmuds

Die Forschung hat sich lange Zeit mit der Vermutung befasst, dass Ambrosius Froben nicht nur die 1100 Exemplare für Simon Günzburg druckte, sondern auch eine weitere Auflage plante, die er in Italien vertreiben wollte. Ein überraschender Fund von Bernhard Prijs lässt die Vermutung zu, dass Froben tatsächlich eine zweite Auflage des Werks gedruckt hatte. Das Exemplar des Basler Talmuds in der Universitätsbibliothek Erlangen weist nämlich Unterschiede in verschiedenen Traktaten auf im Vergleich zum Exemplar an der Universitätsbibliothek Basel. Dies führt den Forscher zur Annahme, dass es sich dabei tatsächlich um eine zweite Auflage des Basler Talmuds handelte. Als Vorlage wurde die erste Auflage genutzt.

c.langenegger@unibas.ch

Literatur:

Heller, Marvin J.: Ambrosius Froben, Israel Zifroni and Hebrew printing in Freiburg im Breisgau. In: Gutenberg Jahrbuch. 80 (2005). S. 137-148.

Hill, Brad Sabin: Incunabula, Hebraica & Judaice. Five centuries of hebraica and judaica, rare bibles, and Hebrew incunables from the Jacob M. Lowy Collection. Ottawa 1981.

Prijs, Bernhard: Neues vom Basler Talmuddruck: 2. Nachtrag zu J. und B. Prijs, «die Basler Hebräischen Drucke» Olten/Freiburg i. Br. 196. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. 82 (1982). S. 205-212.

Prijs, Bernhard: Der Basler hebräische Buchdruck. In: Librarium. Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft 14 (1972) Heft 3. S. 214-228.

Prijs, Joseph; Prijs Bernhard (Hg.): Die Basler hebräischen Drucke (1492-1866), Olten 1964.

Staehelin, Ernst: Des Basler Buchdruckers Ambrosius Froben Talmudausgabe und Handel mit Rom. Sonderdruck aus der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. 30 (1930).

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