Vom Buch zum Bauwerk. Die Blogserie zur Bibliotheksarchitektur anlässlich der Teilsanierung der UB

Teil 1: Bibliotheksbau im Wandel der Zeit. Vom Buchdruck bis zur industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

Die Freude ist gross bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der UB Basel und hoffentlich auch bald bei allen Nutzerinnen und Nutzern. Nach diversen Baueingaben, einer Zeit des Wartens und trotz Corona-Krise können wir stolz verkünden: Das Hauptgebäude der UB Basel wird teilsaniert, neue Lernräume entstehen und bestehende werden modernisiert. Diese Teilsanierung soll Anlass bieten, um in einer kleinen Blogserie einen Blick auf die Geschichte des Bibliothekbaus zu werfen und zugleich unsere UB unter die Lupe zu nehmen.

Funktion und Nutzung: Der Bibliotheksbau im Wandel der Zeit

Die Form der Medien in Bibliotheken, u.a. analog oder digital, beeinflusst den Bibliotheksraum samt Bibliotheksarchitektur.

Bibliotheken gehören zu jenen Bauwerken, denen eine bestimmte Aura zugesprochen wird. Ein Ort des Wissens, der Ruhe und der Gelehrsamkeit. All dies soll auf die Nutzerinnen und Nutzer abfärben – ganz nach Churchills Votum: „We shape our buildings, and afterwards our buildings shape us.“ Diese Liaison funktioniert letztlich über die Angebote einer Bibliothek, also die Medien und die Räumlichkeiten zur Nutzung dieser Medien. Wollen wir Bibliotheksarchitektur verstehen, tun wir gut daran, uns an den Medienarten und deren Nutzung zu orientieren. Beginnen wir bei unserem kleinen und fragmentarischen tour d’horizont zur Bibliotheksarchitektur im ausgehenden Mittelalter. Denn damals fand ein Medienwechsel statt, der Buch, Bibliotheksarchitektur und die Welt nachhaltig veränderte: Die Rede ist natürlich vom Buchdruck.

Die grosse Medienrevolution und der Bibliotheksbau und -räume im Absolutismus

Die Bibliothek im Absolutismus – ein repräsentativer Saal, der als Sinnbild für den allwissenden Herrscher verstanden wird. (Foto Thomas Brütsch)

Bis ins letzte Drittel des 15. Jahrhunderts waren Bücher Handschriften, vorwiegend Luxusobjekte und meistens Teil religiöser Handlungen. Ein komplett eigenständiger Bibliotheksbau war unter den Umständen kaum notwendig – allenfalls Räume innerhalb von Klosteranlagen, Fürstenhöfen oder Universitätsgebäuden. Der Buchdruck und die ansteigende Buchproduktion stellten langsam aber sicher alles auf den Kopf: Im 16. Jahrhundert wurden bereits um die 90’000 Titel publiziert, was ungefähr einer Auflage von 140’000 gedruckten Büchern entspricht.
Begünstigt durch diese Umstände entstand der Gebäudetyp „Bibliothek“ am Ende des 15. und insbesondere im 16. Jahrhundert neu, nachdem dieser im Verlauf der Völkerwanderung im Okzident weitestgehend überflüssig war. Um mit derartigen Mengen an Büchern fertig zu werden, waren Bauwerke mit ausgefeilten Aufstellungen notwendig, um die Auffindbarkeit zu garantieren: Signaturen und Kataloge wurden zu einem unverzichtbaren Bestandteil. Die Nutzung beschränkte sich allerdings noch immer auf einen relativ kleinen Kreis von Personen.

Der Entwurf der „Bibliothèque du roi“ von Boullée markiert den Höhepunkt der Bibliotheksarchitektur im Absolutismus.

Architektonisch gestaltet waren diese Bibliotheken hingegen meistens nach dem Repräsentationsbedürfnis der Herrscher im Absolutismus: Der monumentale Saalbau prägt das Bild von Bibliotheken zum Teil bis heute. Die Abhängigkeit von Bau und Informationsträger wird exemplarisch beim Escorial, der Palastanlage der spanischen Herrscher (erbaut von 1563 bis 1584), besonders deutlich: Nicht zur Nutzung ist diese Bibliothek gedacht, vielmehr ist diese Sinnbild des allwissenden Herrschers mit seiner ordnenden Verfügungsgewalt und daher als Repräsentationsraum gedacht. Die wohl kühnste und zugleich in ihrer Sakralität kaum zu überbietende Bibliotheksarichtektur lieferte Étienne Boullée mit dem Entwurf „Bibliothèque du roi“ aus dem Jahre 1785.

Leopold della Santa – oder die erste „moderne“ Bibliothek

Das Magazin nach dem Entwurf von Leopoldo Della Santa. Die industrielle Revolution machte neue Bautechniken möglich.

Ein endgültiger Bruch mit der absolutistischen Vorstellung, das Wissen der Welt in einem Saal repräsentativ zu versammeln, vollzog Leopoldo Della Santa. Sein viel beschriebener, jedoch nie exakt umgesetzter Bibliotheksplan von 1816, ist der entscheidende Schritt zum modernen Bibliotheksbau. Die Ursachen, wieso Della Santa einen neuen Typ von Bibliothek konzipierte, sind mannigfach: Der Bedarf an Literatur nimmt immer mehr zu (die 100’000’000 Marke an gedruckten Büchern war um 1800 geknackt!), zahlreiche Bibliotheken gehen final auf weltliche Träger über, die Studierendenzahlen an den Universitäten wachsen und das aufstrebende Bürgertum verlangt mehr und mehr Zugang zu den Bibliotheken. Der geneigte Leser merkt sofort: Nihil novi sub sole – nichts Neues unter der Sonne.

Die Bibliothèque Ste-Geneviève folgte dem Prinzip der funktionalen Dreiteilung von Della Santa. Bild aus Wikipedia

Was war denn so neu an Della Santas Konzept? Della Santa forderte eine strikte funktionale Dreiteilung der Räume in: Magazine, Verwaltung und Nutzung. Zugleich legte er die Bücherregale nicht mehr der Wand entlang an, sondern stellte die Regale strikt rechtwinklig zur Wand tief in den Magazinraum hinein – dank neuen Materialien im Bau war dies nun möglich. Was für uns als Selbstverständlichkeit gilt, war damals eine radikale Neuerung und hat bis zur Einführung digitaler Medien kaum an Bedeutung verloren. Bücher sind nun nicht mehr Repräsentationsobjekt, sondern öffentliches Gut. Die Verwaltung wird separiert und die Nutzerinnen und Nutzer rücken mehr und mehr ins Zentrum. Dass sich diese Dreiteilung auf den gesamten Bau auswirkte ist ohne Frage klar. Als geradezu klassisches Beispiel für diese moderne Bibliotheksarchitektur wird in der Fachliteratur gerne die als Präsenzbibliothek (im 19. Jahrhundert noch Usus) konzipierte Bibliothèque Ste-Geneviève in Paris (1851 fertiggestellt) genannt.

Die erste, nur für Basler Buchbestände gebaute Bibliothek, ist ebenfalls im Kontext von Della Santa zu verstehen… Mehr zu Basler Bibliotheksbauten und ihrer Geschichte bis hinein ins 20. Jahrhundert gibt’s im Teil 2 unserer Blogserie „Vom Buch zum Bauwerk“.

noah.regenass@unibas.ch

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