Künstlernachlässe an der UB: Über die Erschliessung des Nachlasses der Basler Künstlerin Johanna von der Mühll-von Tuhr (1894-1974)

Zu den historischen Beständen der UB gehören rund 450 Nachlässe vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Sie stammen vorwiegend von Personen, die in den Bereichen Humanismus, Wissenschaft, Literatur oder Musik tätig waren, eine Verbindung zur Universität Basel hatten oder von lokalhistorischem Interesse sind. Diese Kriterien treffen auch auf den Nachlass der vielseitigen Basler Künstlerin Johanna von der Mühll-von Tuhr (1894-1974) zu, welcher der UB von der Familie geschenkt worden ist. Bekannt ist Johanna von der Mühll-von Tuhr vor allem als Autorin der «Basler Sitten: Herkommen und Brauch im häuslichen Leben einer städtischen Bürgerschaft» (1944). Ihr malerisches und zeichnerisches Werk ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten.

Abb. 1: «Weiblicher Halbakt» (1920), Öl auf Leinwand, 45,5 x 38,0 cm, NL 379: P:1

Johanna von der Mühll-von Tuhr hat sich vor dem Schreiben viele Jahre dieser anderen Kunstform gewidmet. Im Alter von 25 Jahren besuchte sie die Kunstgewerbeschule in Halle und Köln, wo sie unter anderem vom Nolde-Schüler Otto Fischer unterrichtet wurde und sich danach intensiv mit der Malerei beschäftigte. Insgesamt hinterlässt Johanna von der Mühll-von Tuhr aus dem Zeitraum von 1910 bis 1974 rund 32 Gemälde sowie eine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen, Buchillustrationen und mehreren Skizzenbüchern. Im Sommer dieses Jahres konnte die Erfassung dieser Werke in Angriff genommen werden. Sie sollen möglichst bald über den Bibliothekskatalog zugänglich sein und damit ihre Benutzung im Sonderlesesaal ermöglichen. Obwohl die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, ist es lohnenswert an dieser Stelle von den bisherigen Entdeckungen über die oben genannte Künstlerin  zu berichten.

Abb. 2: «Demonstration» (1919), Aquarell auf Papier, 31,5 x 27,0 cm, NL 379: P:18

Die Motive, die Johanna von der Mühll-von Tuhr wählte, zeigen ein grosses Spektrum: Strassen- und Zirkusszenen, Liebespaare in romantischer Landschaft, Landschaftsmalereien, mehrere Porträts der Eltern, Blumenstillleben, Gebäudeansichten oder willkürliche Farbkompositionen um nur einige zu nennen. Man nimmt diese Vielfalt weniger in Form einer künstlerischen Entwicklung wahr, sondern viel mehr als Spiegel der jeweiligen Lebensstation der Künstlerin. Ein Beispiel hierfür sind die Aquarelle und Tempera-Malereien in kräftiger Farbgebung, die im Jahr 1919 in Halle entstanden sind und Strassenszenen der damaligen Spartakus-Unruhen darstellen (Abb. 2 und Abb. 3). Der Einfluss des familiären, gesellschaftlichen und politischen Kontexts ist auch in späteren Bildern deutlich spürbar und zeigt, dass das Malen und Zeichnen ihr erlaubte, Erlebtes in Form des Bildausdrucks zu verarbeiten.

Abb. 2: «Spartakus» (1919), Schwarze Tusche auf Papier, 23,0 x 22,0 cm, NL 379: P:80

Bei den losen Blättern innerhalb des Nachlasses ist auch die Vielzahl unterschiedlicher Zeichen- und Malmittel sowie Trägerpapiere zu betonen. Obschon nur wenige Titelangaben oder Datierungen vorzufinden sind, können undatierte Blätter anhand dem Vergleich dieser physischen Merkmale, zum Beispiel einem identischen Trägerpapier, einer bestimmten Zeitspanne zugeordnet werden. Die Regeln der bibliothekarischen Erschliessung sind zwar vorgegeben, jedoch darf man nicht vergessen, dass die Beschreibung eines Kunstwerks auch stets dem subjektiven Blick des Verfassers unterliegt. So erlaubt ein Katalogeintrag neben der normierten Erfassung der Orts- und Zeitangaben auch, stichwortartig den Zustand eines Werks festzuhalten oder die Mal- und Zeichentechnik eines Künstlers zu beschreiben. Gerade in dieser Hinsicht wird deutlich, wie tief die Erschliessungsarbeit erlaubt in ein künstlerisches Gesamtwerk einzutauchen und dessen Struktur zu verstehen. Hierfür ist eine grosse Portion Neugier, Ordnungssinn und Ausdauer unbedingt notwendig.

Abb. 4: «Modell» (1917), Schwarze Kreide auf Papier, 26,0 x 21,0 cm, NL 379: P:76

Sobald die Erschliessungsarbeit abgeschlossen ist, folgt die konservatorische Bearbeitung der Werke im Hinblick auf deren Digitalisierung, die den Schluss der Bearbeitungskette des Nachlasses bildet. Anzustreben wäre es weiter, den Nachlass danach nicht im Tiefschlaf versinken zu lassen, sondern das künstlerische Werk von Johanna von der Mühll-von Tuhr zu vermitteln – zum Beispiel in Form einer Ausstellung – und damit einzelne Werke in den Diskurs mit aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Themen zu rücken.

eva.aebersold@unibas.ch

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