«Die Schnecke kriecht behutsam weiter»

Zum Jubiläum 50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz

Das SWA führt am 3. Februar zum 50-jährigen Jubiläum der Einführung des Frauenstimmrechts einen Themenabend durch. Die lange unerfüllte Forderung hat ihre Spuren in den Magazinen des SWA hinterlassen. Es stehen unzählige Laufmeter Unterlagen zur Verfügung, die die Meilensteine des Kampfs und die Argumente der Gegner und Befürworterinnen illustrieren.

«Die Schnecke kriecht behutsam weiter», so der Titel eines Kapitels der Publikation «Eine kleine Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz». Die Schrift, verfasst von Dr. Marie Böhlen, erschien 1954.

Titelbild «Eine kleine Geschichte des Frauenstimmrechts in der Schweiz»

Bemerkenswert, denn die Geschichte handelte von einem Recht, das bis dahin noch gar nicht oder höchstens in Fragmenten existierte, die Geschichte einer Nicht-Existenz. Was war der Anlass dafür? Erstens stand die Schweiz im Vorfeld einer nationalen Abstimmung. Zweitens gab es in der Schweiz damals schon seit ca. 70 Jahre Bestrebungen, den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zu ermöglichen. Fassbar wird es erstmals im legendären Versuch von Emilie Kempin-Spyri, die 1886 beim Bundesgericht den Artikel 4 der Bundesverfassung einklagte. Sie fand, es sei einfach, man müsse lediglich anerkennen, dass mit dem Begriff «Schweizer» sowohl Männer als auch Frauen gemeint seien. Sie berief sich auf das sogenannte «generische Maskulinum», das wir immer noch aus der Umgangssprache kennen: Studenten sind alle, die an der Uni studieren, Forscher meint auch Forscherinnen, es bedeutet, Frauen sind einfach immer mitgemeint (ausser wenn sie gerade nicht mitgemeint sind…). Das Bundesgericht fand, das sei «ebenso neu als kühn», was so viel hiess wie: unmöglich.

Basler Frauenstimmrechtskreuzworträtsel aus einem Flyer 1954. Damals fand im Februar eine Frauenbefragung statt, an der 72% der Frauen ein Ja in die Urne legten. Die Männer lehnten anlässlich der klassischen Abstimmung im Dezember das Anliegen ab

Noch viele Stationen wären aufzuzählen, bis 1971 die Schweizer Frauen auf nationaler Ebene das Stimmrecht erhielten. Nach dem Landesstreik wurden 1918 gleich zwei Motionen dazu im Nationalrat eingereicht. Die Frauenverbände zogen ein Jahr später mit einer Petition nach. In den Kantonen war das Tempo höchst unterschiedlich. Das Vorgehen umfasste Vorstösse in Parlamenten, Abstimmungen und Frauenbefragungen. In Unterbäch im Wallis, konnten die Frauen erstmals in der Gemeinde abstimmen. Als erster Kanton erlaubte Basel-Stadt 1957 den Gemeinden ein Frauenstimmrecht und Riehen war die erste Gemeinde, die 1958 den Schritt «wagte».  Auf der Ebene der Kantone waren jedoch die Westschweizer Kantone deutlich fortschrittlicher und schneller unterwegs. Waadt, Neuenburg und Genf führten das Frauenstimmrecht 1959/60 ein.

Ein Meilenstein bildete zweifelsohne die erste nationale Abstimmung, die 1959 stattfand. Werfen wir einen Blick auf die Argumente der Gegner.

«Die Frauen wollen das Stimmrecht gar nicht» «Das Frauenstimmrecht hätte «politische Ehestreit» und Familienspaltung zur Folge. Das könnten wir uns bei unser hohen Ehescheidungszahl nicht leisten»

«Frauenstimmrecht? Nein! Es gibt schon genug stimmfaule Männer!»

«Die politische Aufgabe der Frau liegt nicht im Stimmen und Wählen. Ihre Söhne zu guten Schweizerbürgern zu erziehen, das ist ihre Aufgabe»

«Ohne selber an die Urne zu gehen, kann die Frau indirekt durch den Mann, den Sohn, den Bruder beratend, beeinflussend für das Gute und Aufgeklärte wirken»

«Die Frauen sind nicht reif für das Frauenstimmrecht»

und schliesslich ganz einfach «Politik ist Männersache».

Heute können wir über diese Propaganda lächeln, für die Frauen damals war es bitterer Ernst, denn auch wenn die Ablehnung in vielen Kreisen nicht laut ausgesprochen wurde, schmetterten schliesslich 67% der Stimmberechtigten das Anliegen ab.

Flyer für den Abstimmungskampf 1959. Ein Bild voller Widersprüche: die Frau im Schatten wird vom Mann an der Hand genommen und in die staatsbürgerliche Mündigkeit geführt. An den Rollenbildern wird vorerst nichts geändert.

Da halfen auch die gescheiten Argumente der Mitstreiter Pro-Frauenstimmrecht nichts. So etwa das schöne Rechenbeispiel von FDP-Nationalrat Andreas Brunner-Gyr. An einem Vortrag dozierte er: «Nun zur Frage des «Volkswillens». Wir Schweizer sind im ganzen ein nüchternes Volk. Aber so ganz frei von Phantasien, die mit der Wirklichkeit nicht ganz übereinstimmen, sind wir doch nicht. Auch wir verwechseln hin und wieder Fiktion und Realität. Nach der VolkszähIung 1950 hatte die Schweiz 4’714’929 Einwohner. Sie wollen kaum behaupten, es lebten 1950 3’311’198 Ausländer in der Schweiz. Das ist nämlich die Zahl jener, die nicht die Möglichkeit haben, ihren Willen bekannt zu geben, wenn es um nationale Fragen geht. Eine Minderheit von 30 % erhebt den Anspruch, dass ihre Meinung den Volkswillen darstelle. Und wenn sich gar noch ein Drittel von ihnen von dieser Pflicht dispensiert, wie das üblich ist, so bleiben noch ganze 20 %. Und wenn davon 2/3 eine Vorlage annehmen oder ablehnen, hat eine Minderheit von vielleicht 15 % eine Sache beschlossen, der sich die übrigen 85 % zu unterziehen haben. So ganz demokratisch geht es also auch in der ältesten Demokratie nicht zu, obschon eines festzustellen ist: die männliche Minderheit darf trotz allem in den meisten Fällen für sich in Anspruch nehmen, den Volkswillen in echter Weise zu repräsentieren.» Mit kühler Logik widerlegte Brunner-Gyr, dass Argument, dass Frauen das Stimmrecht gar nicht wollten: «Es gibt einen legalen Weg, diese Frage abzuklären, der in der Verfassung vorgezeichnet ist: Wenn die Mehrheit der Frauen das Stimmrecht nicht wollen, können die Gegner am 1. Februar der Vorlage ja bedenkenlos zustimmen. Von diesem Zeitpunkt an sind die Frauen berechtigt, den hochwohllöblichen Herren in Bern nicht nur unverbindliche Petitionen einzureichen, sondern auch eine Initiative auf Abänderung der Verfassung, d.h. sie können jederzeit die Abschaffung des Frauenstimmrechts durchsetzen und den Männern ihr Vorrecht, auf das diese so ritterlich zu verzichten bereit waren, wieder zurück geben.»

Im Kanton Appenzell Innerrhoden konnten sich Männer noch 1989/90 unverfroren aber trotzig gegen das Frauenstimmrecht aussprechen

An der neuerlichen Abstimmung zwölf Jahre später schaffte es die Vorlage endlich, angenommen zu werden. Der Prozess der politischen Gleichstellung der Frauen war damit noch nicht abgeschlossen. Im Kanton Appenzell Innerrhoden wurde darum bis 1990 gestritten. Schliesslich griff das Bundesgericht ein und dekretierte die Einführung des kantonalen Frauenstimmrechts.

Und es geht immer noch weiter, man könnte die Gesellschaft weiter demokratisieren, indem auch die ausländische Wohnbevölkerung in den Stimmkörper aufgenommen würde.

50 Jahre Frauenstimmrecht: der Blick auf 100 Jahre Propaganda im SWA. Online-Veranstaltung, keine Anmeldung notwendig.

irene.amstutz@unibas.ch

Mittwoch, 3. Februar 2021, 18.00 Uhr

https://unibas.zoom.us/j/91553216073?pwd=K2FzcGVNU1dpajNMLzdUR0F4ei9SUT09

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