Eintauchen in die Gedankengänge eines Kunsthistorikers: Die Notizhefte Heinrich Wölfflins

Die Universitätsbibliothek Basel beherbergt den wissenschaftlichen Nachlass des Schweizer Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin (1864–1945). Viele Archivalien dieses umfangreichen Nachlasses werden im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds und der Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte geförderten Editionsprojektes «Heinrich Wölfflin – Gesammelte Werke» erstmals erforscht, transkribiert und sowohl in gedruckter wie auch in digitaler Form publiziert.

Abb. 1: Der von Heinrich Wölfflin verzierte Vorderdeckel von Notizheft 15, Winter 1887–Herbst 1888 (Bildnachweis: e-manuscripta)

Integraler Bestandteil dieses archivalischen Nachlasses sind die insgesamt 73 Originale der Notizhefte Wölfflins (UB Basel, NL 95, Abt. Nachtrag 1973, I 1a), die in die Zeit von 1882 bis 1940 datiert werden können. Die im Schnitt rund 150 Seiten umfassenden Notizhefte wurden von Wölfflin mit Bleistift oder Tinte beschrieben und reichlich mit Skizzen oder Zeichnungen ausgestattet. Die Datierung sowie Paginierung/Foliierung der Hefte sind dabei meist auf Wölfflin selbst zurückzuführen. Jüngst wurden diese wertvollen Quellenzeugnisse von der Universitätsbibliothek Basel vollständig digitalisiert und auf e-manuscripta einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Die Relevanz von Notizheften als Arbeitsinstrument der Kunsthistoriker:innen wurde in der Forschung der letzten 15 Jahre eingehend diskutiert. Dabei spielen einerseits Zeichnungen, andererseits Reisenotizen als autoptische Beobachtungen von Kunsthistoriker:innen eine zentrale Rolle. Eine Studie, die beispielsweise die Zeichnung als kunstwissenschaftliches Erkenntnisinstrument hervorhob, ist die Dissertationsschrift von Susanne Müller-Bechtel über Giovanni Battista Cavalcaselle von 2009. Neben den Zeichnungen ist auch das Exzerpieren ein wichtiges Forschungsinstrument, dem sich Elisabeth Décultot und Helmut Zedelmaier im Band «Exzerpt, Plagiat, Archiv» von 2017 angenommen haben. Die von den Vertreter:innen dieser Forschungsrichtung betonte Wichtigkeit des Zeichnens und Exzerpierens als kunsthistorische Arbeitsinstrumente lässt sich auch auf Wölfflin und seine Notizhefte übertragen.

Neben den Zeichnungen hat Wölfflin in den Notizheften Überlegungen zu kunst- und kulturhistorischen, psychologischen, philosophischen und literarischen Themen festgehalten, zeitgenössische Literatur kritisch verarbeitet und Gliederungsentwürfe für seine Publikationen angefertigt. Dieses Exzerpieren und Ausarbeiten seiner wissenschaftlichen Positionen in den Notizheften ist für die aktuelle Neuausgabe der Wölfflin’schen Werke wie auch für die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte der einzelnen Bände innerhalb der Neuedition von grosser Bedeutung.

Abb. 2: Wölfflin über den Inhalt der Kunstgeschichte im Jahr 1887, Notizheft 14, p. 120 (Bildnachweis: e-manuscripta)

Abbildung 2 zeigt ein anschauliches Beispiel aus dem Jahr 1887 (UB BS, NL 95, Abt. Nachtrag 1973, I 1a: Nh. 14, p. 120). Auf dieser – sehr ordentlich geschriebenen – Seite geht Wölfflin zunächst auf die Wissenschaftsgeschichte des Faches Kunstgeschichte ein, diskutiert dabei die Werke von Anton Springer (1825–1891), Henry Thode (1857–1920) und Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) und definiert im Anschluss fünf zentrale Forschungsfelder der Disziplin: Die Geschichte des Sehens, die Physiognomik, die Ausdrucksbewegungen, der Farbensinn und das Formgefühl. Die Seite gibt folglich nicht nur Auskunft darüber, welche Publikationen Wölfflin nachweislich gekannt und studiert hat, sondern repräsentiert auch seinen interdisziplinären Ansatz, seine Forschungspositionen und einige seiner wegweisenden Konzepte.

Jenseits fachlicher Inhalte berichtet Wölfflin in den Notizenheften über Erfahrungen, die er auf Studienreisen oder an universitären Instituten machte, erzählt von prägenden Begegnungen oder reflektiert über innere Zerwürfnisse. So schreibt er beispielsweise im Herbst 1886 über seinen Aufenthalt in Rom und darüber, was ihm zufolge zum «Mannwerden/Mannsein» dazu gehört und weshalb er gemäss dieser Definition noch nicht «ein Mann geworden» sei:

«Ich will nicht eher {aus Rom} heim-/ kehren, bis ich ein Mann geworden & müßt ich noch/ solange in Rom bleiben./ Was für Männer hat die ewige Stadt nicht schon/ gebildet, der Sinn fürs Große, für das Bleibende,/ Ewig-bedeutende wird dort erzogen./ Was mir fehlt ist Persönlichk{ei}t, & wenn es nur/ ein Abglanz wäre von der Fülle zwingender persönlicher/ Macht, die ein Dante in allen seinen Schriften/ ausströmt. Ich habe noch nie einen Widerstand/ überwinden, noch nie kämpfen müssen, was allein/ den Mann macht.» (UB BS, NL 95, Abt. Nachtrag 1973, I 1a: Nh. 12, p. 75).

Die Notizhefte gewähren einzigartige Einblicke in Wölfflin’sche Gedankengänge, seine Arbeitsweise und Forschungspositionen, aber auch in sein Privatleben. Wölfflin führte die Notizhefte während seiner gesamten Schaffenszeit – mit zunehmendem Alter zwar etwas unreinlicher, aber nicht weniger umfangreich. Aufgrund ihrer nahezu vollständigen Überlieferung ist es möglich, Wölfflin während seines Lebens und seiner Reisen zu begleiten, verschiedene Orte, Gebäude und Kunstwerke durch seine Augen zu sehen, die Kritik an anderen zeitgenössischen Vertreter:innen seines Fachs zu verstehen, die Entwicklung von Thesen und wissenschaftlichen Positionen nachzuvollziehen und die Entstehungsgeschichte seiner Bücher zu rekonstruieren. Die Fülle der Erkenntnisse, die aus dem Quellenfundus gezogen werden kann, wird in den einzelnen Editionsbänden erstmals gebündelt und wissenschaftlich eingeordnet. Innerhalb des aktuellen Editionsprojekts werden Brücken zwischen den publizierten Werken Wölfflins und seinen Notizheften geschlagen sowie wertvolle Erkenntnisse aus dem archivalischen Bestand in den kritischen Apparat und dokumentarischen Anhang der Bände integriert. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung des umfangreichen wissenschaftlichen Nachlasses geleistet. Die editorische Arbeit mit dem Archivmaterial ist jedoch nur eine von vielen möglichen Formen der Annäherung. Der Schatz der Notizhefte Heinrich Wölfflins wie auch seiner Skizzenbücher lädt zur intensiven Beschäftigung in Form weiterer Publikationen und Projekte ein und liesse sich noch genauer unter dem Gesichtspunkt der aktuellen Forschungen zur Rolle der Zeichnung und des Exzerpierens als wertvolle kunstwissenschaftliche Forschungsinstrumente betrachten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.