Mit Heidi, Moni und Toni im Buchstabenwald

Illustrationen von Martha Pfannenschmid zu Geschichten von Johanna Spyri. Ein Gastbeitrag von Anna Lehninger, Kunsthistorikerin, Zürich

Am 7. Juli 2021 jährt sich Johanna Spyris Todestag zum 120. Mal. Ein guter Anlass, sich mit dem Schaffen der berühmten Schweizer Autorin auch jenseits ihres Bestsellers Heidi zu befassen. Fast fünfzig Erzählungen hat Spyri vor und nach der Geschichte vom heimwehgeplagten Alpenkind geschrieben, die bemerkenswerterweise seit den 1930er-Jahren in eigenen Ausgaben von Schweizer Jugendschriftenwerken erfolgreich waren. Pädagogisch motivierte Institutionen – genannt seien der seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehende «Verein zur Verbreitung guter Schriften in Basel» (https://www.baslerstadtbuch.ch/stadtbuch/1989/1989_2068.html) oder das 1932 in Zürich gegründete Schweizerische Jugendschriftenwerk (SJW, https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025748/2014-10-02/) – hatten es sich zur Aufgabe gemacht, gute Literatur preiswert an ein junges Lesepublikum zu vermitteln und somit «Schmutz und Schund» in billigen Heftchen etwas entgegenzusetzen. In Band- und vor allem Heftform wurden als für die Jugend als geeignet betrachtete Lesestoffe wie eben Johanna Spyris Erzählungen an diese herangetragen, wobei auf eine attraktive Gestaltung des Titels und qualitativ hochstehende Illustrationen geachtet wurde. Diese sollen im Folgenden ein wenig genauer unter die Lupe genommen werden.

Heidi und die Guten Schriften

Bleiben wir vorerst noch bei Heidi. Als die Illustratorin Martha Pfannenschmid 1949 eine Ausgabe von Heidi und 1950 einen Band mit Erzählungen von Johanna Spyri im Verlag «Gute Schriften Basel» bebilderte, blickte sie bereits auf eine anhaltende Erfolgsgeschichte in der Spyri-Illustration zurück: Seit 1944 war das zweibändige Werk Heidi, erschienen im «Silva»-Verlag mit über zweihundert Illustrationen der Baslerin, ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Heidi-Ikonografie in der Schweiz. Eine ganze Generation von LeserInnen wurde von dieser Ausgabe geprägt und insbesondere durch das Sammelerlebnis der Bildchen, die nach und nach in den Textband geklebt wurden, an das Buch gebunden. Spätere Generationen erinnern sich heute ebenfalls an diese Heidi-Bücher mit den kleinen Bildchen, die sie mit Eltern und Grosseltern immer wieder ansahen (siehe den Blogbeitrag vom 1. Juli 2019: https://blog.ub.unibas.ch/2019/07/01/heidi-von-der-schweiz-bis-japan/). Nach diesem überwältigenden Erfolg von Heidi illustrierte Martha Pfannenschmid 1949 eine weitere, kompakte Ausgabe von Heidi für die «Guten Schriften Basel» (Abb. 1).

Abb. 1 Martha Pfannenschmid, Titelbild zu Johanna Spyri, Heidi, Basel 1949

Ausgestattet war der Band, der die beiden Teile Heidis Lehr- und Wanderjahre und Heid kann brauchen, was es gelernt hat enthielt, mit vier farbigen Vollbildern und zwölf Initialen für dreiundzwanzig Kapitelanfänge. Die Initialen hatte Pfannenschmid offenbar schon bei den Vorbereitungen für Heidi im Silva Verlag entworfen (Abb. 2), sie kamen aber erst in dem Band für die «Guten Schriften Basel» zum Einsatz (Abb. 3). Pfannenschmid, penibel in der Recherche und sensibel in der Darstellung, experimentierte mit der Gestaltung der Initiale «V». Einmal bildete sie diese aus Pflanzenteilen, ein anderes Mal liess sie einen Schmetterling oder einen Grashüpfer über den Druckbuchstaben klettern. Schlussendlich führte sie beide Formen zusammen und liess einen Schmetterling auf dem Buchstaben Platz nehmen, der gleichzeitig von Grashalmen regelrecht überwuchert wird.


Abb. 2: Martha Pfannenschmid, Entwürfe für Sammelbilder und Initialen für Heidi, um 1944,
Basel UB, Handschriften, NL 283: A 5
Abb. 3: Martha Pfannenschmid, Ausgeführte Initiale «V», in: Johanna Spyri, Heidi, Basel 1949, S. 84

Die Initiale, seit dem Mittelalter integraler Bestandteil der Buchgestaltung, wird damit einerseits zum Initiationspunkt der Erzählung, andererseits kulminieren in ihr bereits zentrale Elemente des bevorstehenden Textinhalts. Durch das grenzüberschreitende Spiel von Schrift und Bild wird die Initiale zu einem Kleinod illustratorischer Kunstfertigkeit.

Glück und Fluch der Alp

Nach Heidi stattete die Illustratorin 1950 den Band Moni der Geissbub, der sieben Erzählungen Johanna Spyris enthielt, mit vier Farbbildern aus, von denen eines auch als Titelbild verwendet wurde (Abb. 4) sowie mit weiteren Initialen. Der Band enthält neben der titelgebenden Geschichte die Erzählungen «Wer Gott zum Freunde hat», «In sicherer Hut», «Toni von Kandergrund», «Die Stauffer-Mühle», «Allen zum Trost» und «Beim Weiden-Josef». In allen werden die Schicksale von Kindern verhandelt, die mehr oder weniger stark vom Leben auf der Alp beeinflusst werden. Der Ziegenhirte Moni, Mitwisser eines ungemeldeten Fundes einer kostbaren Halskette, wird von seinem schlechten Gewissen geplagt, bis er schliesslich alles gesteht, um am Schluss als Belohnung für seine Ehrlichkeit sogar eine Ziege geschenkt zu bekommen. Der als Holzschnitzer begabte Toni vom Kandergrund, der als Kuhhirte auf der Alp durch monatelange Einsamkeit und starke Gewitterstürme traumatisiert wird, gesundet seelisch erst in einer städtischen Heilanstalt wieder – gleichsam in Umkehrung zum heimwehkranken Heidi, das nur in den Bergen glücklich sein kann. Und schliesslich kommt der kleine Jörli über allerlei Umwege zu einem Müller in die Lehre und erlebt Vorurteile und Ausgrenzung, bis sich herausstellt, dass er der verschollen geglaubte Enkelsohn eben jenes Müllers ist. Am Ende wird in diesen und weiteren Geschichten des Bandes mit einer gehörigen Portion Glück und Gottes Segen doch alles wieder gut.

Abb. 4: Martha Pfannenschmid, Titelbild zu Johanna Spyri, Moni der Geissbub, Basel 1950

In ihren fein pointierten Initialen fängt Pfannenschmid wesentliche Momente und Figuren dieser Erzählungen ein, sie prägen das Erscheinungsbild des Bandes fast mehr als die wenigen Farbabbildungen. Diese tragen durch ihre zarte Kolorierung und liebevolle Figurenzeichnung zwar zur hoffnungsfrohen und naturverbundenen Grundstimmung des Buches bei, die Funktion der Illustration der einzelnen Geschichten und Ereignisse bleibt aber den Initialen vorbehalten.

Ein Figurenalphabet

Mit einem morgendlich-fröhlichen «A» öffnet sich in Moni der Geissbub ein Fenster zum Kapitel «Monis Leben auf der Höhe» (Abb. 5). Die junge Paula, deren Halsschmuck noch solch dramatischen Einfluss auf das Leben des Titelhelden haben wird, sitzt lächelnd im Fensterrahmen, dessen weit geöffnete Läden den vorgestellten Buchstaben regelrecht umspannen. Am deutlichsten wird die Verstrickung von Initiale und Illustration in der Erzählung «In sicherer Hut»: Eingekuschelt in den unteren Bogen eines «Bs» erblicken die LeserInnen ein liegendes Kind, das im Schutz des Buchstabens selig vor sich hinzuträumen scheint – während in der Geschichte die kleine Rita tatsächlich am Rande eines Abgrundes schlafend abzustürzen droht und in letzter Sekunde gerettet wird (Abb. 6). Ihr Erstaunen ob der dramatischen Such- und Rettungsaktion wird durch den friedlichen Schlummer erst recht begreiflich. Oder es schaukelt ein zierliches «J» vor dem fleissigen Jörli, der in der Stauffermühle neben vollen Mehlsäcken auf seines Tages Arbeit sieht (Abb. 7). Gleichzeitig scheu und hoffnungsvoll blickt der Junge, der so manches harte Wort einstecken muss, hinter dem Buchstaben hervor, so als könnte er ihn jederzeit beiseite schieben und hervortreten um zu sagen: «Sieh, hier bin ich.»

Abb. 5, 6, 7: Martha Pfannenschmid, Initialen, in: Johanna Spyri, Moni der Geissbub, Basel 1950, S. 13, S. 80, S. 144

Die Initialen werden munter in allerlei Formen gebracht, zum einen vor die dargestellte Figur, Landschaft oder Szene gestellt, zum anderen aber auch als Gestaltungselement mit in die Darstellung einbezogen. Daraus ergeben sich interessante Beziehungsgeflechte von Buchstaben und Bildern, die Miniaturen gleich die Texte «illuminieren». Diese drei und weitere Initialen markieren nicht nur einfach jeweils als Anfangsbuchstabe den Beginn eines neuen Kapitels, sie eröffnen gleichsam als Schriftelement und Illustration in einem den Text, stimmen die Lesenden und Betrachtenden darauf ein, was als nächstes kommt. Und dann beginnt die Geschichte.

Im kommenden Herbst widmet sich zum 120. Todestag ein Symposium dem Werk Johanna Spyris: Von einem «Blatt auf Vrony’s Grab» bis zur «Stauffer-Mühle». Johanna Spyris (1827-1901) Werk neu lesen, 21. bis 23. Oktober 2021, Goethe-Universität Frankfurt a.M.

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