Arbeiten im grossen Lesesaal der UB: eine Bildstrecke

Einführung

Diese Bildstrecke erzählt die Geschichte des allgemeinen oder grossen Lesesaals der Universitätsbibliothek Basel (UB) von damals bis heute. «Damals» bezieht sich nicht auf die historischen Anfänge der Universitätsbibliothek, sondern auf den Zeitpunkt des Bezugs des Altbaus im Jahr 1898. Von diesem Gebäudekomplex, der eher einem neubarocken Palais als einer Bibliothek gleichsah, stammt noch heute das Freihandmagazin an der Bernoullistrasse. Der Rest der heutigen UB, also der Kopfbau, die weitläufigen Magazine, die Lesesäle und der Verwaltungstrakt, entsprechen dem Wurf des Architekten Otto Senn, der in den 1960er Jahren eine völlig neue Formensprache fand. Aus dem ehemaligen, mit Stuck geschmückten Lesesaal wurde ein sechseckiges Schalentragwerk aus Beton. Beiden Lesesälen ist gemeinsam, dass sie das Herzstück der Bibliothek bildeten und mit dem angrenzenden Botanischen Garten im Dialog standen.

In der nachfolgenden Bildstrecke werden Fotografien des Lesesaals aus verschiedenen Jahren auf ihre Inhalte hin analysiert. Im Mittelpunkt stehen die Leser*innen mit ihren jeweiligen Unterlagen, Schreibutensilien, Arbeitsmethoden und anderen Hilfsmitteln. Wie lesen, arbeiten und lernen die Studierenden und andere Benutzende damals und heute? Welche Muster, Entwicklungen und Trends sind zu erkennen?

Die Wahl der Bilder hängt von der Verfügbarkeit geeigneter Fotografien ab. Wichtig ist eine ausreichend gute Auflösung, damit auch die Einzelheiten zu erkennen sind. Zudem sollen Leser*innen am Arbeiten sein; leere Räume, wie vor allem in älteren Fotografien üblich, sind für diesen Zweck wenig aufschlussreich.

Die UB verfügte von Anfang an auch über andere Lesesäle, oder Lernräume wie man heute oft sagt. Zudem hat der Umbau im Jahr 2021 eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze in unterschiedlichen Settings geschaffen: Gruppenarbeitsplätze, runde oder kantige Tische und Bänke, Lernboxen, Stehtische, Sofas, Liegematten, Fensternischen oder bequeme Lesesessel. Die Beobachtung oder der Vergleich des Lern- und Arbeitsverhaltens in diesen unterschiedlichen Settings wäre sehr interessant und böte gutes Material für eine weitere Publikation. Das ist aber nicht das Ziel der vorliegenden Bildstrecke: Hier steht ausschliesslich der grosse oder allgemeine Lesesaal im Mittelpunkt. Denn nur hier ergibt sich die Möglichkeit eines langfristigen Vergleichs der sich ändernden und doch gleichbleibenden Arbeitsweisen.

Der Altbau: das neubarocke Gartenpalais aus dem Jahr 1896

Die heutige Universitätsbibliothek steht auf dem Gelände des früheren Spalengottesackers, der bis 1868 als Begräbnisstätte diente. Heute befinden sich auf diesem Areal nebst der UB auch der Botanische Garten und das Botanische Institut der Universität. Diese Nähe von Garten und Bibliothek empfinden noch heute viele Besucher*innen als Bereicherung.

An den ursprünglichen Bau der UB erinnert der Magazintrakt an der Bernoullistrasse mit seinen knarrenden Fussböden, engen Treppenpartien, tiefen Decken, Bücherregalen mit Eisenträgern und leicht süsslich muffeligen Luft. Dieser von Emanuel La Roche entworfene Prachtbau aus dem Jahr 1896 mutete an ein neubarockes Gartenpalais an und erstreckte sich auf der Eingangsseite in geschwungener Form über die Strassenecke Bernoulli- Schönbeinstrasse. Nach hinten hinaus führte ein Ausgang aus dem halbrunden Lesesaal direkt in den Botanischen Garten. Die Rückansicht des Gebäudes (Abb. 1) lässt allerdings erahnen, dass Sicht und Zugang zum Garten durch starke Eisengitter an Fenstern und Türen dauerhaft versperrt blieben.

Abb. 1: Die Rückansicht des UB Altbaus mit dem allgemeinen Lesesaal in der Mitte. Eine Treppe führte in den Botanischen Garten, wobei unwahrscheinlich ist, dass dieser Zugang zum Lesesaal je offen war. (Quelle: Graesel, 1902).

In seinem Handbuch der Bibliothekslehre aus dem Jahr 1902 beschreibt A. Graesel den Lesesaal im UB Altbau wie folgt (S. 110):

Im Erdgeschoss des Verwaltungsgebäudes liegt in der Hauptachse der Lesesaal. Dieser, mit Ober- und Seitenlicht versehen, enthält 32 Sitzplätze. Für jeden Sitz steht eine Tischfläche von 1.25m Breite und 0.8m Tiefe zur Verfügung. Links vom Eingang befindet sich der erhöhte Sitz des aufsichtführenden Beamten, rechts führt eine Türe in die Garderobe, die absichtlich nur vom Lesesaal, nicht auch vom Hauptvestibül, zugänglich gemacht wurde. An den Wänden ist Raum für die Lesesaalbibliothek mit Nachschlagewerken aus allen Disziplinen (ca. 2’800 Bände). Die Gänge des Lesesaales sind mit Linoleum belegt. … Der hellgrünliche Lesesaal ist ausserdem mit Stuckornamenten geziert; Treppenhaus und Ausstellungssaal sind ebenfalls mit Stuck geschmückt.

Während das Platzangebot für Leser*innen und Bücher anfangs wohl ausreichend war, zeichnete sich schnell ab, dass die Bibliothek mit den steigenden Benutzungszahlen und dem stark wachsenden Publikationsvolumen nicht mithalten konnte. Zudem waren die Raumausnutzung und der praktische Bibliotheksbetrieb in diesem Prestigebau mit seinen riesigen Treppenaufgängen, komplexen Raumanordnungen und zahlreichen Schmuckelementen sicher nicht optimal.

Frühe Fotos des Lesesaals zeigen leider nur einen leeren Raum und geben kaum Auskunft über die Nutzung desselben. Erst kurz vor dem Abriss des an einen «Gartensalon» erinnernden Lesesaal entstand das erste (bekannte) Foto mit Leser*innen.

Arbeiten im grossen Lesesaal im Jahr 1963

Eine sehr schöne Fotoserie zeigt den Altbau einschliesslich Benutzung des alten Lesesaals vor dem Abriss, also 1963 oder kurz zuvor. Es ist halb zwölf und der Lesesaal wirkt gut belegt, obwohl fast jeder zweite Stuhl leer ist. Aus einem zeitgenössischen Bericht erfährt man aber, dass die anfänglichen 32 Plätze längst nicht mehr ausreichten: es mussten Tische, Stühle und Regale eingeschoben werden. So war beispielsweise das halbhohe Bücherregal in der linken Bildmitte nicht im ursprünglichen Plan vorgesehen.

Das Publikum ist gut durchmischt, Frauen in adretter Garderobe und Perlohrringen sitzen neben Männern in Anzug. An allen Arbeitsplätzen beugen sich die Leser*innen konzentriert über ihren handgeschriebenen Notizen. Daneben stapeln sich Bücher und aufgeschlagene Hefte, und ein Schild an jeder Tischmittelplanke ermahnt die Leser*innen zur Ordnung: «Bände aus der Handbibliothek sind in der genauen Reihenfolge an ihren Standort zurückzustellen». Die Frau im Vordergrund schreibt mit Füllfeder und hat ihre lederne Handtasche auf dem Tisch liegen. Büsten von Gelehrten aus der Geschichte halten Wache und inspirieren die Leserinnen und Leser. Ergänzend zum Ober- und Seitenlicht sind alle Plätze mit stilvollen grünen Tischlampen ausgestattet. Hinten, rechts von der Eingangstüre sieht man den oben erwähnten erhöhten Sitz des aufsichtführenden Beamten. Mit seinen Glaswänden weist er mit vielen Schildern und Tafeln auf die Regeln oder Gepflogenheiten im Lesesaal hin. In der Eingangstüre spiegelt sich das vergitterte Tor zum Botanischen Garten.

Abb. 2: Der grosse Lesesaal im Altbau, ca. 1963. Foto: Universitätsbibliothek Basel.

Neubau der UB Hauptbibliothek von 1966-68

Der Altbau platzte schon länger aus allen Nähten, aber es dauerte bis in die 1960er Jahre, bis ein Neubau errichtet werden konnte. Der heutige grosse Lesesaal der UB Hauptbibliothek konnte am 27. September 1965 eröffnet werden[1], obwohl die offizielle Einweihung des Neubaus erst am 25. Oktober 1968 stattfand[2].

Dieser Neubau vom bekannten Basler Architekten Otto Heinrich Senn (1902-1993) führte die Bibliothek und ihre Leser*innen in ein ganz neues Zeitalter. Während Senn den alten Magazintrakt an der Bernoullistrasse geschickt in den Neubau integrierte, bediente er sich beim Verwaltungstrakt, Kopfbau sowie den Lese- und Katalogsälen ganz neuer Materialien und Ausdrucksformen. Gerade der neue grosse Lesesaal, ein imposantes Schalentragwerk aus Beton, greift im Vergleich zum früheren neubarocken Prestigebau eine ganz neue Formensprache auf. Insbesondere die grosszügige Glasfront zum Botanischen Garten hin dürfte für die Leserinnen und Leser wie ein Befreiungsschlag gewirkt haben.

Der grosse Lesesaal bot nun Raum für 150 Arbeitsplätze und 30’000 Bände[3]. Im Vergleich zum Altbau eine Verfünffachung des Platzangebotes für Leser*innen und eine Verzehnfachung für Bücher. Dass jetzt, 50 Jahre später, signifikante Umbauten notwendig waren, um den Bedarf an Arbeitsplätzen weiter zu steigern, dürfte die Architekten sowohl überrascht als auch gefreut haben!

Der Lesesaal hatte jedoch auch mit Kinderkrankheiten zu kämpfen. Der UB Jahresbericht 1966 erwähnt auch eine Wasserspieleanlage, die aber leider nie wieder in Betrieb genommen wurde[4]. Wohingegen die Klimaanlage weiterhin und immer wieder zu schaffen macht:

So war die Benützung der Lesesäle lange Zeit beeinträchtigt, und unaufhörliche Klagen über die Störungen der mangelhaft funktionierenden Klimaanlage waren abzuwehren. Es scheint, dass ihr völliges Einspielen erst nach Beendigung des Gesamtbaues möglich wird und deshalb so lange noch Geduld am Platze ist. Leider bewirkten auch die Wasserspiele im Grossen Lesesaal wiederholt Reklamationen, die uns schliesslich zwangen, dieselben stillzulegen. Dagegen wurde die Abblendung der Oberlichtfenster als wohltuende Verbesserung empfunden, wie überhaupt die Vorteile der neuen Arbeitsbedingungen allgemein anerkannt und geschätzt werden.[5]

Im Folgenden werden in einer Bildstrecke Szenen aus dem grossen oder allgemeinen Lesesaal vorgestellt. Der Neubau verfügt aber auch über weitere (Spezial-)Lesesäle für Dozierende und Doktorierende, einen Zeitschriftenlesesaal und den Lesesaal der Handschriftenabteilung im Untergeschoss. Diese werden hier allerdings nicht gezeigt.

Der grosse Lesesaal stand und steht noch heute allen Personen offen: sowohl Angehörige der Universität wie auch externe Leser*innen haben Zugang. Zahlenmässig überwiegen heute die Studierenden, die vor allem während der Prüfungsvorbereitungszeit alle Plätze belegen und lange Tage hier verbringen. Die zeitweisen Schliessungen der Bibliotheken während der Pandemie in 2020 und 2021 haben gezeigt, wie stark viele Studierende auf Lernplätze an Bibliotheken angewiesen sind.

Abb. 3: Rückansicht des Neubaus mit grossem Lesesaal, ca. 1985. Foto: Universität Basel.

Arbeiten im grossen Lesesaal im Jahr 1968

Das erste Foto aus dem Neubau dürfte ca. 1968 entstanden sein und zeigt den grossen Lesesaal relativ kurz nach seiner Eröffnung. Der Blick richtet sich von der Fensterfront nach hinten, mit Blick zur internen Ausleihtheke und zum Doktorandenlesesaal (heute kleiner Lesesaal) hin. Die Galerie scheint noch völlig unbesetzt zu sein: weder Personen noch Bücher sind hier zu sehen.

Der Vergleich zur früheren Situation im Altbau ist jedoch frappant: endlich können die Leser*innen Luft holen und aufatmen. Auch die grossen, freien Tischflächen werden sichtlich geschätzt. Leselampen braucht es keine mehr; die riesigen Fenster und Deckenlampen reichen für die Arbeit.

Zu dieser war der Lesesaal nicht nur Arbeitsplatz, sondern es wurden häufig auch die dort stehenden Bestände benutzt. Ausserdem war das Büchermagazin noch nicht frei zugänglich (heute Freihandmagazin), so dass alle Bücher an die interne Ausleihtheke bestellt werden mussten.

Während die meisten Leser*innen nur wenige Bücher und Papiere auf dem Tisch liegen haben, hat eine stämmige Dame in weisser Bluse grad zwanzig dicke Bände bestellt: ob sie finden wird, was sie sucht? Auf den Tischen liegen auch die Ledermappen oder bei Frauen vereinzelt eine Handtasche; es ist ja noch mehr als genug Platz vorhanden. Männer tragen Krawatte und Anzug: noch wagt keiner, das Jackett auszuziehen. Nur die Dame in weisser Bluse ist gerade daran, ihre Jacke abzulegen; sie hat ja auch Grosses vor.

Abb. 4:  Der grosse Lesesaal im Neubau kurz nach der Eröffnung, ca. 1968. Das Mobiliar ist heute immer noch das Gleiche wie damals: vor allem die Stühle zeigen ein zeitloses Design.

… im Jahr 1993

Fünfundzwanzig Jahre später begegnen wir einer ganz neuen Generation von Studierenden. Hier das Bild eines unbekannten, lesenden Studenten. Er hat sich einer der beliebten Fensterplätze ergattert . Das dicke Roche Lexikon weist auf Medizin oder Pharmazie hin; er arbeitet aber auch mit anderen Büchern, Heften, Lehrbüchern und Schreibblock. Allfällige Ablenkung bietet eine Tageszeitung. Komplett verschwunden sind Anzug und Krawatte: Studenten können sich nun nach Belieben und sehr locker kleiden. Die Ledermappe wird ersetzt durch textilen Rucksack. Noch fehlen digitale Hilfsmittel, aber die Leuchtstifte liegen griffbereit.

Abb. 5: Lesender Student im grossen Lesesaal, 1993. Foto: Universität Basel.

… im Jahr 2001

Von Claude Giger liegt eine Serie von Fotos aus dem Jahr 2001 vor. Diesmal ist der Lesesaal dicht belegt. Man arbeitet traditionell mit Büchern, Vorlesungsskripten, Lernkarten, Handnotizen und Ringordnern. Im Vergleich zu den 90-er Jahren sind aber auch einige Veränderungen oder Neuerungen zu beobachten. Trinken ist nun erlaubt, oder zumindest geduldet. Das zeigen die Tetra Paks mit Eistee oder Apfelsaft. Die Tageszeitung wird durch das Boulevardblatt 20 Minuten ersetzt.

Bei den Studierenden handelt es sich auch hier mindestens teilweise um Mediziner*innen. Eine Studentin arbeitet vor allem mit einer Vielzahl an verschiedenen Leuchtstiften und Post-It. An digitalen Geräten sieht man einen Taschenrechner und mindestens ein Mobiltelefon. Die Taschen stehen wohl aus Platzgründen am Boden.

Abb. 6: Auf der Galerie im grossen Lesesaal, 2001. Foto: Universität Basel, Claude Giger.UniversitŠt Basel

… im Jahr 2009

Das nächste Foto stammt vom November 2009. Es zeigt einen fast vollen Lesesaal. Auf den ersten Blick, und im Vergleich zu heute, fallen die vielen Jacken und Taschen auf, sowie die Abwesenheit von Notebook Computern.

Obwohl das Mantel- und Taschenverbot damals grundsätzlich schon galt, konnte es erst dann lückenlos umgesetzt werden, als die so genannte Eingangskontrolle eingeführt und genügend Schliessfächer im Erdgeschoss zur Verfügung gestellt wurden. (Die UB bietet übrigens auch Lernräume ohne Mantel- und Taschenverbot an.)

Das Fehlen von Notebook Computern täuscht jedoch. Beim genaueren Hinsehen erkennt man an fast allen randständigen Plätzen – an der Fensterfront oder an der Galeriewand – Studierende an Bildschirmen. Das Bedürfnis wäre also bereits da, aber nur diese Plätze an den Wänden sind mit Steckdosen oder improvisierten Steckerleisten ausgestattet. Stromanschluss und heute auch WLAN, das zeigt sich auch heute, sind zu einer Grundvoraussetzung für digitales Arbeiten geworden. Entsprechend überwiegen noch gedruckte Unterlagen auf den Arbeitstischen: Bücher, Vorlesungsskripte, Ringordner, Schreibblock. Der Durst wird nun mit PET Flaschen gelöscht; Tetra Paks sind schon wieder passé.

Eine Studentin am unteren Bildrand trägt Kopfhörer und hat auch ein Mobiltelefon vor sich auf dem Tisch liegen. Auch mit ihrer nachhaltigeren Thermosflasche ist sie der Zeit voraus. Smartphones haben sich aber bei den Studierenden noch nicht durchgesetzt.

Abb. 7: Der grosse Lesesaal, 2009. Foto: Martin Töngi, 2009.

… im Jahr 2017

Sprunghaft steigt die Nutzung von Notebook Computern bei den Studierenden. Inzwischen sind alle Lernplätze mit fest installierten Steckdosen und WLAN-Anschluss ausgestattet, so dass das Arbeiten am Bildschirm und im Netz nahtlos und zeitlich unbefristet möglich ist. Es sind nur noch sehr wenige Leser*innen, die ohne Computer auskommen. Aber auch Lernende am Computer nutzen daneben noch Schreibunterlagen und Stifte. Man lernt hybrid, wechselt zwischen digitalen und gedruckten Medien hin und her. Damit geht auch die Nutzung des früher so wichtigen Leuchtstifts stark zurück.

Zu den digitalen Hilfsmitteln gehören aber auch Smartphone und vereinzelt Taschenrechner. Das gegenseitige Vertrauen oder die Allgegenwart der Geräte ist so gross, dass man beim Rausgehen seinen Computer und Smartphone auf dem Tisch stehenlassen kann.

Seit mehreren Jahren funktioniert nun die Eingangskontrolle, heute Besucherservice genannt, die eintretende Leser*innen freundlich grüsst und an das Mantel- und Taschenverbot erinnert. Für die Mitnahme persönlicher Sachen in den Lesesaal werden durchsichtige Plastiksäcke zur Verfügung gestellt. Es ist ein heisser Sommertag: Studierende kommen in Shorts und T-Shirt. Wasserflaschen sind aus PET oder nachhaltigeren Materialien.

Abb. 8: Der grosse Lesesaal 2017. Foto: Universität Basel, Mark Niedermann.

… im Jahr 2022

Heute zeichnet sich nochmals ein neues Bild ab: der papierlose Lesesaal setzt sich langsam durch. Fast alle Leser*innen arbeiten mit Computern, viele ganz ohne gedruckte Unterlagen oder Schreibblock. Nur ein Leser im Foto scheint ohne Computer unterwegs zu sein. Spannend ist die Beobachtung, dass Studierende zunehmend mit iPads (statt Notebook/Laptop) arbeiten – teilweise auch mit Stylus als digitaler Schreibstift. Einige haben auch mehrere Computer oder Bildschirme. Und natürlich liegt auch vielerorts ein Smartphone auf dem Tisch. Fast alle Studierende bedienen sich des Stroms aus der Steckerdose, wohingegen der Internetzugang über das WLAN, also kabellos und unsichtbar, funktioniert. Nicht mehr gebraucht werden die Metallringe an den Kabelschächten, die ursprünglich für die Sicherung von Computern gedacht war.

Schaut man genau hin, erkennt man, wie viele der Leser*innen Kopfhörer tragen, entweder kleine kabellose In-Ear Stöpsel oder dicke Over-Ear Kopfhörer. Ob die Studierenden hiermit Musik hören, Lernvideos schauen oder störende Nebengeräusche blockieren, wissen wir nicht. Auf jeden Fall wird der Lesesaalbesuch zunehmend multimedialer.

Neben den digitalen Hilfsmitteln zeigt das Foto auch Veränderungen bei den anderen Objekten. Statt kostenlosen Plastiktaschen für private Sachen werden nun durchsichtige Einkaufskörbe zur Verfügung gestellt; bei den Getränken überwiegen dauerhafte Trinkflaschen. Einwegsachen ist out.

Abb. 9: Digitales Arbeiten im grossen Lesesaal heute. Foto: Universitätsbibliothek Basel, Johann Frick.

Schlussfolgerung

Die hier gezeigte Bildstrecke zeigt sowohl signifikante Veränderungen als auch eine grosse Konstanz in der Nutzung des Lesesaals. Baulich bildet der grosse Lesesaal sowohl im Alt- wie auch im Neubau das Herzstück der Universitätsbibliothek. Beide Architekten, Emanuel La Roche und Otto Senn, setzten den Raum in Beziehung zum dahinterliegenden Botanischen Garten. 

Während sich Arbeitsweisen, Unterlagen und der Auftritt der Leser*innen über die Jahrzehnte radikal verändert haben, bleibt das Muster oder Bedürfnis des individuellen, ungestörten Arbeitens unverändert über die Zeit erhalten. Arbeitsdisziplin und Konzentration bleiben gleichermassen hoch. Vor allem wenn es auf die Prüfungen zugeht, und wenn alle Plätze gefüllt sind, überrascht und beeindruckt die absolute Stille und Aufmerksamkeit aller Studierende. Wie von Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Albertina in Leipzig, beschrieben, bleibt das Grundbedürfnis eines Lesesaals über Jahrhunderte dasselbe: «Im neunzehnten Jahrhundert begann, was bis heute alle beschäftigt, die mit Bibliotheksneubauten zu tun haben: Wie schützt man die geistige Innovation vor äußerlicher Beeinträchtigung? Wie sorgt man für ein angenehmes Klima, damit man beim Lesen den Körper vergessen kann?».

Die auffallendste Änderung ist natürlich die zunehmende Digitalisierung des Arbeitens. Und es scheint, dass die Corona Pandemie einen weiteren Digitalisierungssprung bei den Studierenden ausgelöst hat. Studienunterlagen und auch Vorlesungen dürften auch in Zukunft zunehmend elektronisch vorliegen, und es ist aus Sicht der Autorin unwahrscheinlich, dass das Pendel wieder zurückschlägt. Einmal digital, immer digital scheint sich auch im persönlichen Leben durchzusetzen.

Literatur

Graesel, Arnim. Handbuch der Bibliothekslehre. Leipzig: J. J. Weber, 1902.

Schneider, Ulrich Johannes: Der Bibliotheksbau als Maschine. Wie Henri Labrouste die Lesesaalbibliothek erfunden hat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2018, S. 20 (Online unter der Überschrift „Henri Labroustes Bibliothek. Gegen die giftige Atmosphäre im Lesesaal„)

Senn, Otto Heinrich. Basler Universitätsbibliothek. In: Das Werk, Jg. 55 (1968) H. 11, S. 713-721.

Senn, Otto Heinrich. Neubau der Basler Universitätsbibliothek. In: Das Werk, Jg. 53 (1966), H. 11, S. 438-441.

Hinweis:

Alice Keller nimmt von Leser*innen gerne Feedback entgegen, falls Sie Ergänzungen oder weitere Erinnerungen haben.


[1] Jahresbericht der UB, 1965. https://ub.unibas.ch/de/publikationen/jahresberichte/

[2] Jahresbericht der UB, 1968. https://ub.unibas.ch/de/publikationen/jahresberichte/

[3] Otto Senn, 1966: «So wurde die Zahl der Arbeitsplätze auf 300 festgesetzt, die sich auf den allgemeinen

Lesesaal mit 150 Plätzen, im Übrigen auf die Dozenten-, Doktoranden-, Zeitschriften- und Handschriftenlesesäle verteilen. Sie beträgt 7% der heutigen Studentenzahl, was dem

Verhältnis an deutschen Universitäten entspricht.»

[4] Die «Wasserspielanlage» war offenbar unter der Treppe zur Galerie angebracht: eine Kette, an der ständig Wasser in ein ebenfalls mit Wasser gefüllte Becken floss. Die Absicht war wohl ein angenehmes Hintergrundgeräusch.

[5] Jahresbericht der UB, 1966. https://ub.unibas.ch/de/publikationen/jahresberichte/

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