Verborgene Verwandtschaftsmomente. Ein paar beiläufige Gedanken zur Ausstellung «Lieblingsstücke»

Die Ausstellung »Lieblingsstücke« an der UB Basel ist seit knapp einem Monat eröffnet. Bei Führungen durch die Ausstellung (übrigens jederzeit buchbar unter pr-ub@unibas.ch) können nicht immer alle Aspekte der facettenreichen »Lieblingsstücke« in allen Einzelheiten beleuchtet werden. Lassen wir den Blick also einmal kreuz und quer durch den Raum schweifen, und zwar ohne Scheu, auch unsichtbare Verbindungslinien zwischen einzelnen »Lieblingsstücken« aufzudecken.

Jedes Buch hat „seine“ Geschichte (Foto & Copyright Kurt Ranger).

Ein Lieblingsstück, das bei allen Besucher*innen der Ausstellung auf lebhaftes Interesse stösst, sind die farbenprächtigen Heidi-Aquarelle der in Basel geborenen Kunstmalerin Martha Pfannenschmid (1900-1999). Die japanische Rezeption der berühmten Heidi-Bilder mag dabei ebenso überraschen wie die Tatsache, dass Pfannenschmid, die von 1923 bis 1969 als Sekretärin, Laborantin und technische Gehilfin an verschiedenen medizinischen Instituten in Basel angestellt war, ihren erlernten Beruf als Kunstmalerin lediglich an Wochenenden oder während Ferienaufenthalten ausüben konnte. Ein bemerkenswertes Detail ihres künstlerischen Schaffens besteht mitunter auch darin, dass sie das mikroskopische Zeichnen am Zoologischen Institut der Universität Basel bei Adolf Portmann (1897-1982) erlernt hat. Die federleichten Züge ihrer verspielten Kunstwerke stehen in der Ausstellung in stillem Einvernehmen mit dem wundervollen Aquarell »Collioure«, das Portmann in den 1920er Jahren mit dem Weitblick eines auf verschiedenen Gebieten bewanderten Gelehrten gemalt hat. Als Zoologe und Meeresforscher, der die Phänomene des Lebens in ihrer Ganzheitlichkeit zu erfassen versuchte, trat Portmann mit der Selbstverständlichkeit des verantwortlichen Mahners bereits früh dafür ein, das Wunder der Schöpfung zu bewahren. In seinem 1976 erschienenen Werk »An den Grenzen des Wissens« liest man die eindrücklichen Sätze: »Wir schulden der letztlich unfaßbaren Natur Ehrfurcht – statt sie in immer rasenderem Tempo zu zerstören. Wir sind verantwortlich dafür, daß die Generationen, die nach uns kommen, eine Umwelt vorfinden, wie sie uns trotz unserem unsinnigen Wirken noch immer umgibt.« Diese Grundhaltung lässt sich mit einem weiteren Lieblingsstück assoziieren, nämlich mit dem in der Tiefe des zentralafrikanischen Urwalds geschriebenen Dankesbrief Albert Schweitzers (1875-1965) aus dem Jahr 1958 an Hermann Lauchenauer (1899-1968). Die »Ehrfurcht vor der Natur« (Adolf Portmann) und die »Ehrfurcht vor dem Leben« (Albert Schweitzer) reichen sich in der Ausstellung gleichsam die Hand. Es ist, als ob die beiden Denker und Forscher sich noch heute über alle Zeitschranken hinweg viel zu sagen hätten.

Verwandtschaftliche Bande zwischen einzelnen »Lieblingsstücken« lassen sich in der Ausstellung auch in anderer Hinsicht entdecken: Margareta Amerbach (1490-1541), Erasmus von Rotterdam (1466-1536) und Sebastian Franck (1499-1542) vertreten mit ihren ganz unterschiedlichen literarischen Zeugnissen die oberrheinische Kulturlandschaft in der frühen Neuzeit und rufen den Besucher*innen der Ausstellung wichtige Errungenschaften der Zeit um 1600 in Erinnerung: Eindrücklich sind die ausgestellten Dokumente, weil sie von weiblicher Lese- und Schreibfähigkeit zeugen, einen Meilenstein des Basler Buchdrucks sinnenfällig vor Augen führen oder die Triebfedern der Unparteilichkeit und Gedankenfreiheit beleuchten, wie man sie im Zeitalter blutiger konfessioneller Auseinandersetzungen vielleicht kaum vermuten würde.

Ein Zeitstrahl führt die Geschichte der UB vor Augen (Foto & Copyright Kurt Ranger).

Eine Besonderheit der Ausstellung sind zweifellos die farbenprächtigen Pflanzen- und Schmetterlingsbilder von Maria Sibylla Merian (1647–1717). Die Faszination dieser Bilder beruht nicht nur auf dem einzigartigen Zusammenspiel von profundem wissenschaftlichen Wissen und künstlerischer Gestaltung. Die kolorierten Kupferstiche verdanken ihre Strahlkraft auch der Pionierleistung einer Frau, die als eine frühneuzeitliche Gelehrte mutig den abenteuerlichen Weg nach Niederländisch-Guyana auf sich genommen hat, um auf dem südamerikanischen Kontinent einen Teil ihres Lebenswerks zur Vollendung zu bringen. Rund 120 Jahre später machte sich ein weiterer Pionier auf den Weg nach Südamerika: Johann Natterer (1787-1843), der als Zoologe an der bayrisch-österreichischen Brasilienexpedition von 1817 teilgenommen hatte, erstellte mit unerschöpflichem Sprachhunger und mit Hilfe indigener Begleiter umfangreiche Wortlisten verschiedener Indianersprachen, die in der Ausstellung als wichtige Dokumente ethnographischer Forschung präsentiert werden. Südamerikanische Gefilde haben also auch hier Schöpfergeist, Erfindungsreichtum und ungeahnte Produktivität hervorgerufen.

Zum Schluss richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf die innere Verbundenheit zweier Lieblingsstücke, die auf je unterschiedliche Art und Weise von einem undurchdringlichen Geheimnis umgeben werden. Auf der einen Seite begegnen wir in der Ausstellung jenen wunderbaren und schauerlichen Zeichnungen des sogenannten »revolutionären Totentanzes zu Basel 1798«. Sie verweisen auf das baslerische Revolutionsgeschehen jener Tage und können im Hinblick auf die flankierende Textgestaltung mit Peter Vischer Sarasin (1751-1823), dem Schwager von Peter Ochs (1752-1821) in Verbindung gebracht werden. Ob Peter Vischer Sarasin, der als Verfasser der Texte genannt werden darf, auch die bildhafte Inszenierung dieser Totentanzszenen zugewiesen werden kann, bleibt jedoch weitestgehend im Dunkeln. Ein Versteckspiel der ganz anderen Art ergibt sich bei der Betrachtung des grossformatigen »Pariser Plans« aus der Mitte des 16 Jahrhunderts: Wohl ist bekannt, dass diese Stadtansicht im Jahr 1874 von dem damaligen Oberbibliothekar Ludwig Sieber (1833-1891) entdeckt worden ist und dass Basel diesen einzigartigen Schatz selbstbewusst gegen französische Erwerbungswünsche verteidigt hat. Unerklärlich bleibt jedoch bis heute die Provenienz dieses Unikats. Von Rätseln durchdrungen stehen »der revolutionäre Totentanz zu Basel« und der »Pariser Plan« auf Augenhöhe miteinander in Verbindung. Ob weitere Forschungen den Schleier ihrer Geheimnisse dereinst zu lüften vermögen?

Mit diesen paar beiläufigen Gedanken zu den verborgenen Verwandtschaftsmomenten zwischen einzelnen »Lieblingsstücken« möchten wir unsere kurze imaginäre Tour durch die laufende Ausstellung einstweilen beschliessen. Mögen die kurzen Betrachtungen die Besucher*innen der Ausstellung dazu anregen, weitere Gemeinsamkeiten, Affinitäten und Berührungspunkte auf eigene Faust zu entdecken!

Yvonne Häfner

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