Das Ragionenbuch – und wieso es davon mehrere Exemplare gibt

«Wie bitte – Regionenbuch???» So oder ähnlich lauten die Reaktionen von Forschenden, wenn Sie auf das Ragionenbuch hingewiesen werden.

Der Name ist lateinischen Ursprungs: «Ragione sociale» ist der italienische Begriff für «Firmenname». Französisch heisst es «raison sociale». Der Name der «Società» oder «Société» also.

Jahrbuch des Handelsregisters

Das dicke Buch ist ganz einfach das Jahrbuch des Handelsregisters. Darin verzeichnet sind alle Firmen, welche am Ende eines Jahres in der Schweiz existierten – geordnet nach Kanton und Gemeinde. Die Einträge umfassen die Adresse, den Geschäftszweck, die wichtigen Personen, die Höhe des Kapitals und die Daten der letzten Einträge im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB).

Quelle für Praxis und Forschung

Für Geschäftsleute beantwortete das Ragionenbuch wichtige Fragen: «Ist mein Geschäftspartner unterschriftsberechtigt? Arbeitet er noch in dieser Firma?»

Für die Unternehmensgeschichte ist das Ragionenbuch eine tolle Quelle. Etwa wenn man die Namen der DirektorInnen der 100 grössten Firmen in Basel im Jahr 1950 sucht. Aber Achtung: Eingetragen sind nur die unterschriftsberechtigten Personen; vom Verwaltungsrat ist das oft nur der Präsident. Die gewöhnlichen VR-Mitglieder findet man nur in den Jahresberichten der Firmen.

Heute und früher

In den 1990er Jahren wurde das Ragionenbuch durch eine CD-Rom abgelöst. Heute gibt es Datenbanken.

Umgekehrt ist das erste gesamtschweizerische Ragionenbuch erst 1883 erschienen. Erst mit Inkrafttreten des Obligationenrechts (OR) entstand ein eidgenössisches Handelsregister. Davor gab es kantonale Ragionenbücher. In Basel schon 1809 (Digitalisat).

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Im Schweizerischen Wirtschaftsarchiv (SWA) sind von diesen kantonalen Büchern teilweise mehrere Exemplare überliefert. Von der Ausgabe 1892 sind es 11 Exemplare. Diese stammen ursprünglich von verschiedenen Firmen und Ämtern: Bankverein, Bank Passavant, Basler Handelskammer, Departement des Innern oder Zivilgericht.

Jedem sein Buch

Die Ragionenbücher erschienen dummerweise nur unregelmässig (z.B. 1868, 1873, 1876, 1881, 1883, 1892…). In der Zwischenzeit wurden Änderungen von Hand nachgetragen: Etwa aufgrund von Bekanntmachungen in Zeitungen oder Rundschreiben bzw. Zirkularen. Dazu wurden leere Seiten in die Bücher eingebunden. Die Bände sind daher auch unterschiedlich gebunden und unterschiedlich dick. Einigen Bänden sieht man an, dass sie häufig gebraucht wurden. Ein Vergleich zeigt, dass nicht alle Exemplare gleich akkurat nachgeführt wurden.

Das kantonale Basler Ragionenbuch wurde durch das gesamtschweizerische Jahrbuch nicht ersetzt. Es erschien bis 1916.

Martin Lüpold, UB Wirtschaft – Schweizerisches Wirtschaftsarchiv

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