Rosa Lachenmeier: Das Künstlerbuch „Serendipity“. Von Raumbezügen und den Fügungen des Zufalls

Ein Gastbeitrag von Viola Hildebrand-Schat zum Künstlerbuch Serendipity der Basler Künstlerin Rosa Lachenmeier, Sign. UBH AN I 937

Rosa Lachenmeier: Serendipity, 2022. Unikat Nr. 6/66, Universitätsbibliothek Basel (Sign. UBH AN I 937)

„Serendipity“ ist eine in den Wissenschaften gerne verwendete Bezeichnung für gleichsam nebenbei gemachte Erkenntnisse, vor allem aber der Titel der jüngst fertig gestellten Arbeit von Rosa Lachenmeier. Serenditpity ist nicht nur eine Fortführung des buchkünstlerischen Werks Lachenmeiers, sondern ebenso eine Reflexion ihres Vorgehens. So gibt das Buch Serendipity einen Rückblick auf die Werkprozesse der Vergangenheit und der darin geborgene Prinzipien. Mit Serendipity legt Lachenmeier also die Möglichkeiten offen, die ihre Arbeitsweise bereithält und denen sie bislang nur sporadisch Aufmerksamkeit zugewandt hat. Im Zentrum stehen dabei Ausdrucksformen, die buchstäblich am Rande des gesteuerten Vorgehens und des von der Künstlerin Intendierten entstanden sind. Vorherrschend sind Spritzer, Striche und unwillkürliche Spuren, die Pinsel, Farbwalze und Sprühdose beim Arbeiten außerhalb der Bildträger hinterlassen haben. Diese Spuren bleiben auf Leinwänden zurück, die die Künstlerin auf dem Boden ausgebreitet hat und über einige Monate in ihrem Atelier liegen ließ. In den auf den Leinwänden zurückbleibenden Spuren erkennt Lachenmeier eine eigene Ausdruckskraft, die palimpsestartig Auskunft gibt über Arbeitsschritte, denn die sich im Laufe der Zeit übereinander lagernden Farbschichten erweisen sich als Zeugnisse konkreter Schaffensphasen, die in sich selbst zeitlich begrenzt, beständig von weiteren abgelöst werden. Entsprechend vergleicht die Künstlerin die so von Spuren ihres Arbeitens gezeichneten Leinwände mit einem Tagebuch, das die Erinnerung an die Konzeption und Entstehung konkreter Arbeiten birgt.

Rosa Lachenmeier im Arbeitsprozess, 2018.

Für ihr Buch Serendipity nun hat Lachenmeier die als Unterlagen verwendete Leinwände der letzten Jahre im Format des Buches reproduziert. Herausgelöst aus jeglicher Gebrauchsfunktion erinnern die von Tropfen, Spritzern und Malspuren gezeichneten Arbeitsunterlagen an das Action Painting des abstrakten Expressionismus. Den Zusammenhang unterstreicht die Künstlerin durch Zeitangaben am Rande jeder ihrer Darstellungen. Doch im Gegensatz zu den auf die Spontaneität des Schaffens verweisenden kurzen Zeitspannen des Action Paintings, die beispielsweise bei K. R. H. Sonderborg oder K. O. Götz den Titel ersetzen, bezeichnen Lachenmeiers Datumsangaben Zeiträume von mehreren Monaten.

Über diese vergleichsweise lange Zeit führt die Künstlerin von der Leinwandmalerei und vom Buch zurück in ihr Atelier, dem Ort eines kontinuierlichen Arbeitens. Zugleich legt sie in einer weiteren Bildstrecke offen, wie die vermeintlich dem Action Painting zuzuweisenden Arbeiten tatsächlich entstanden sind. Die Aufnahmen zeigen die Künstlerin im Atelier bei der Arbeit, sie lenken den Blick auf den Boden und die ausgebreitete Unterlage, die von Zeit zu Zeit erneuert wird. So wird deutlich, dass es sich bei Lachenmeiers Werken mitnichten um Aktionsmalerei handelt, dass vielmehr jede einzelne Arbeit von einem planmäßigen Vorgehen überlagert ist und die letztendlich in das Buch aufgenommenen Leinwände quasi ein Nebenprodukt sind. Ein scheinbar beiläufig entstandenes Produkt bleiben sie jedoch nur so lange, bis die Künstlerin die in den Arbeiten liegende eigene Ausdruckskraft aufdeckt. Lachenmeier spricht von Upcycling. Im Gegensatz zu Recyclen, das ein Aufbereiten gebrauchter und verbrauchter Materialien vorsieht, rekurriert Upcyceln auf ein Hervorkehren der dem Material bereits innewohnenden Eigenschaften. Beim Upcyceln werden keine Transformationen vorgenommen, sondern eine Aufwertung bereits gebrauchter Materialien für eine Neuschöpfung. Entgegen ihrer Reproduktion im Buch erweisen sich die aus dem Upcyceln hervorgegangenen Arbeiten Lachenmeiers als wandfüllende Großformate, die in den Raum gestellt die informellen Abstraktionen der Nachkriegszeit in Erinnerung rufen.

Lachenmeiers Arbeitsunterlage vom 1.1.2018 – 30.6.2018

Über die diversen Abläufe, die in Serendipity zur Sprache kommen, lenkt das Buch zugleich den Blick auf grundlegende Prinzipien Lachenmeiers. Sie finden Niederschlag in Malerei, in der Verwendung ungewöhnlicher Materialien wie etwa Vinylplatten und vor allem Fotografie, die immer wieder Gegenstand der Künstlerbücher ist und gerade dort das volle Spektrum möglicher Abwandlungen offenbart. Dazu gehören nicht nur Verfremdungseffekte, sondern ebenso die malerische Überarbeitung. Letztere findet auch bei Serendipity Anwendung. Indem Lachenmeier die Einbände jedes einzelnen Buches nach dem Binden einer individuellen Gestaltung unterzieht, bei der sie auf die malerischen Prozesse ihrer Leinwandarbeiten zurückgreift, wird jedes Buch zu einem Unikat.

Rosa Lachenmeier: Serendipity, 2022. Nr. 7/66 mit bemaltem Unikatumschlag

Schon in der Vergangenheit führten die diversen Techniken zur Auseinandersetzung mit dem Buchraum und den Möglichkeiten, die das Buch als Medium bietet. Anders als die sich vornehmlich in die Fläche ausbreitende Malereien bietet das Buch Möglichkeiten einer Sequenzierung, die neben einer räumlichen Ordnung auch die zeitliche mit einbezieht. Zeitliche Ordnungen ermessen sich beispielsweise anhand der Abfolgen von Einzelseiten, die erst beim Blättern ihre Inhalte offenlegen. Eine die Temporalität der sequenziellen und damit auch der Seitenfolge unterlaufende Buchform bietet das Leporello, das zwar durch seine Faltung auch in seitenähnliche Segmente untergliedert, das aber ebenso zu einer fortlaufenden Bahn ausgezogen werden kann und auf diese Weise seine Inhalte auf einen Blick erschließbar macht – zumindest theoretisch. Rosa Lachenmeier demonstriert diese Handhabung beispielsweise an ihrem 2016 fertiggestellten Buch Bridges, das den Frankfurter Mainbrücken gewidmet ist. Die vertrauten Brückenansichten rücken hier insofern in einen neuen Kontext, als die Künstlerin bei ihren Aufnahmen die Blickpunkte verlagert und durch Schnitte im Bild Brücken aufeinander zuführt. Treten sie bereits auf den Einzelseiten markant hervor, entfalten sie im Nebeneinander des auf seine Länge ausgezogenen Leporellos eine geradezu surreale Anmutung. So bieten sich im Buch dem Betrachter auf doppelte Weise völlig neue Perspektiven, wodurch die Brücken weniger als notwenige Wegeführung erscheinen, als vielmehr in einer ihrer praktischen Funktion übergeordneten Dimension. Brücken haben von Alters her Verknüpfungen geschaffen, die über geografische Verbindungen hinausgehen. Indem im Gebirge tiefe Täler überbrückt wurden, konnten abgelegene Gegenden an Handelswege angeschlossen und den Bewohnern der Zugang zu anderen Gemeinschaften erleichtert werden. Solche den Brücken übergeordnete Bedeutung wird aber nicht nur sinnfällig, weil die künstlerische Inszenierung die funktionalen Aspekte durch ästhetische überlagert und die Handhabung des Buches weitere Sichtweisen einfordert. Die auf den Aufnahmen erfassten Motive erscheinen bisweilen irreal. Gleichwohl bleiben Realraum und Buchraum durch das Medium Fotografie aufeinander bezogen.

Rosa Lachenmeier: Bridges–Brücken, 2016

Die sinnfällig werdende Überbrückung verschiedener Raummodalitäten bleibt indes nicht auf Bridges begrenzt. Wenn auch auf eine völlig andere Weise, so befasst sich auch das 2022 erschienene Buch Serendipity mit Raumwechseln. Das raumgreifende Arbeiten im Atelier erhält Eingang in das Buch. Gleichzeitig bietet das Buch der Malerei Möglichkeiten, die über die Fläche hinausgehen.

Angesichts der Gegenüberstellung vom Raum des Ateliers und dem Raum des Buches mag der Titel „Serendipity“ ein wenig irreführend erscheinen. Der Begriff ist ohnehin nicht ganz scharf und findet in den diversen Kontexten Einsatz. Erstmals tritt er wohl in einem Brief von Horace Walpole 1754 auf, der seinem Freund schreibt, dass es ihm immer gelinge, genau das Richtige zu finden. Offen lässt er, ob dies nun Zufall ist, eine gute Beobachtungsgabe oder einfach nur Intuition. Zur Illustration zieht er die Geschichte der drei Prinzen von Serendip heran, die 1557 von Michele Tramezzino veröffentlicht wurde. Tramezzino erzählt darin, wie die drei Prinzen auf ihrer Suche nach dem, was für sie das Kostbarste der Welt ist, aufgrund ihrer Beobachtungen eine Reihe von fragwürdigen Begebenheiten entschlüsseln können. Enzyklopädische Erläuterungen fassen unter Serendipität „eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist.“[1] Verbreitung, vor allem in Wissenschaftskontexten, erlangte der Begriff durch Robert K. Mertons (1910–2003) 1945 publiziertes soziologische Studie The Travels and Adventures of Serendipity. Die Zielsetzung des Werkes erschließt sich aus dem Untertitel „A Study in Sociological Semantics and The Sociology of Science“.

Die Geschichte und mehr noch der Begriff liefern eine allgemein befriedigende Erklärung für Resultate, die jenseits jeglicher Planung aus der Suche nach Lösungen zu anderen Fragestellungen hervorgehen. Lachenmeier hat diese Erfahrung über viele Jahre am eigenen wie auch am Vorgehen anderer beobachtet. So ist ihr der Begriff auch schon seit langem vertraut und zu einem Teil ihrer Praxis geworden.

In Lachenmeiers Buch bezeichnet der Begriff die geglückte Verwertung eines Materials, das ursprünglich lediglich als Unterlage Einsatz fand, um den Fußboden zu schützen. So deckt die Künstlerin regelmäßig den Boden in ihrem Atelier mit Leinwand ab, wenn sie sich einer neuen Gestaltung zuwendet, gleich ob es sich dabei um Bildtafeln oder Bucheinbände handelt. In jedem Fall will sie sich einen Freiraum schaffen, um ungehindert mit Farbwalzen und Sprühfarben zu arbeitete. Ohne Rücksicht auf Farbspuren, die über die Arbeitsfläche hinausgehen, kann sie sich so auf den für sie wesentlichen Schaffensprozess konzentrieren. Relevant wird das unbegrenzte Arbeiten insbesondere bei quasi seriellen Abfolgen, wobei bei einem grundsätzlich kontinuierlichen Arbeiten Varianten und Variationen entwickelt werden. Die Künstlerin fasst ihr Vorgehen in Phasen zusammen, was sie mit einer Datumspanne vermerkt. So bezeichnet jedes Werk ein Datum, an dem sie die Leinwand ausrollte und ein Datum, an dem sie als abgeschlossen betrachtet wurde. Die sich im Prozess des Arbeitens ablagernden Farbspuren bilden gleichsam Zeitschichten, referiert doch jede Farbspur auf einen bestimmten Augenblick oder Zeitabschnitt. Die Farbspuren bilden die Handschrift, durch die sich tagebuchartig der Arbeitsprozess festschreibt. Die Leinwände mit den sich überlagernden Farben formieren sich also zu einer ganz besonderen Form von Tagebuchaufzeichnung. Sie rekurrieren auf den Augenblick, die Abfolge von Augenblicken und die sich in den Farbspuren abzeichnenden Emotionen. Geradezu seismographisch spiegeln die Farbverläufe die Verfasstheit der Künstlerin. Retrospektiv wiederum erweisen sich die Spuren und das Material als Erinnerungsspeicher, dem Befindlichkeiten der Künstlerin an bestimmten Tagen zu entnehmen ist.

Viola Hildebrand-Schat, Juni 2022

Hildebrand-Schat@kunst.uni-frankfurt.de

Mehr dazu:

https://www.lachenmeier.net/rosa/bookart/bookart.html


[1] „the discovery through chance by a theoretically prepared mind of valid findings which were not sought for“. In: Robert K. Merton: Social Theory and Social Structure, Glencoe IL 1957, S. 12.

  1. Vielen herzlichen Dank an Viola Hildebrand-Schat. Auf klare und subtile Art wurde mir das Schaffen der Künstlerin Rosa Lachenmeier auf ihren grossformatigen Leinwandunterlagen näher gebracht. Der mir bisher unbekannte Begriff Serendipity erhält hier eine vielschichtige und anregende Bedeutung. Anregend in dem Sinne dass auch wir im Alltag immer wieder neue Dimensionen des sozusagen Altbekannten in uns aufsteigen lassen können. So bekommt auch das langjährige und konsequente Werk der Künstlerin mit und auf verschiedensten Materialien eine immer wieder neue Aktualität. Dies zu verfolgen bleibt spannend!

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